| Die Bereiche der Wissenschafts- und
Erkenntnistheorie interessieren mich vorrangig. Ich habe mich besonders intensiv mit
Immanuel Kant und Hugo Dingler befaßt (Hinweis:
siehe Veröffentlichungen, Bücher). Da
letzterer im Gegensatz zu Kant der Vergessenheit anheim zu fallen droht, möchte ich
diesen Philosophen hier vorstellen und die wichtigsten Empfehlungen zum Kennenlernen
geben: Hugo Dingler |
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Bild: Schloß Johannisburg,
Aschaffenburg. Hier befindet sich das Dingler-Archiv,
Hof- und Stifts-Bibliothek Aschaffenburg:
http://www.hofbibliothek-ab.de
Vortrag: Die Anfangsproblematik
in methodischer und protophilosophischer Deutung Hugo Dinglers Die Referate gehen auf meine damalige
Tätigkeit als Hilfskraft zurück und eignen sich für alle Leser: Geeignet für das Hauptstudium: Kolloquiumsvorträge: In meiner Dissertation befaßte
ich mich mit einer Reihe von erkenntnistheoretischen Positionen des 20. Jahrhunderts
unter dem Gesichtspunkt ihrer Verschiedenheit. Eingehend zur Sprache kommen
besonders unterschiedliche Ansätze wie die von: Gideon Spicker (als Vorläufer)
und Ernst Cassirer (Stichwort: Symbol- bzw. Kulturphilosophie), Hugo Dingler
(Stichwort: Methodische Philosophie / Methodischer Idealismus), Karl Popper
(Stichwort: Rationalismus / evolutionäre Erkenntnistheorie) und Nicolai Hartmann
(Stichwort: Ontologie / Realismus). Die Vielfalt vorhandener Erkenntnistheorien
hinterläßt gelegentlich ein recht unbefriedigende Gefühl, das sich zugespitzt
etwa in der Frage danach äußern könnte, welche von ihnen nun 'richtig' seien
und welche nicht. Da aber, näher besehen, jede dieser Theorien 'gute Gründe'
für sich aufweisen kann, steht ihr Vergleich vielmehr unter einer Perspektive,
die Gerhard Vollmer in seinem Buch 'Evolutionäre Erkenntnistheorie' in bezug
auf das Gegensatzpaar Rationalismus - Empirismus treffend auf den Punkt gebracht
hat: "Es geht nämlich nicht mehr darum, wer nun recht hat, sondern in welcher
Hinsicht und mit welchen Einschränkungen er recht hat." (2. Aufl. 1980,
S. 134) Ernst Cassirer Teilweise kommentierte Auswahl
einführender Hierunter folgen weitere Links
zu einigen der oben genannten Philosophen, die ich z.t. öfters für meine Internet-Forschung
bez. der Promotion nutz(t)e (für Dingler, Rensch u. Ziehen finden Sie Links
und Hinweise auf diesen Webseiten): Links: Ernst Cassirer
(1874-1945) Stefan Groß (Aufsatz): Ernst Cassirer.
Die Philosophie der Symbolischen Formen: Wolfgang Cramer (1901-1974) Karl Popper (1902-1994)
Mit Vorbemerkungen zu den Bedingungen
des philosophischen Staunens (José Ortega y Gasset). Meinen Gastvortrag anläßlich
des 17. Kolloquiums der 'Internationalen Gesellschaft für philosophische Praxis'
(IGPP): http://www.igpp.org/,
1.11.02 - 3.11.02, können Sie als pdf-Datei abrufen:
Die Anfangsproblematik in methodischer und protophilosophischer
Deutung Hugo Dinglers
Friedrich
Nietzsche
Jean
Jacques Rousseau, geistiges Umfeld: Enzyklopädisten u. Voltaire
Die
Vorsokratiker
Platon
und Aristoteles: Staat und Ökonomie
Von
Cicero bis Augustinus
Stoizismus
und Römertum
Nicolai
Hartmann
Kategorien und Schematismuslehre bei Immanuel
Kant (WS 99/00)
Ernst
Cassirer - Kritik des Zeitbegriffs Theodor Ziehens (SS 01)
Strategien der Erkenntnistheorie im 20. Jahrhundert
Im Unterschied zu Vollmer ist der Ausgangspunkt der Untersuchung jedoch nicht
seinerseits eine bestimmte erkenntnistheoretischen Theorie, sondern er wird
bestimmt durch eine Auseinandersetzung mit der Krise der Philosophie, zu deren
Überwindung unter anderem eben jene verschiedenen erkenntnistheoretischen
Strategien entwickelt worden sind, denen sich diese Arbeit zuwendet. Die Identitätskrise
der Philosophie, in welche sie aufgrund der Krise des Idealismus und der Erfolge
der Naturwissenschaft geriet, bildet den gemeinsamen und die Erkenntnistheorie
des 20. Jahrhunderts nachdrücklich prägenden geschichtlichen Hintergrund,
vor dem die unterschiedlichen Positonen auf hermeneutisch-rekonstruktivem Wege
jeweils erschlossen und ihre verschiedenen Stoßrichtungen bis in einzelne
Fragestellungen, Thesen und Methoden hinein miteinander konfrontiert werden.
Im Oktober 2004 ist meine Dissertation mit dem Titel "Erkenntnistheorie
im 20. Jahrhundert - Die kontroversen klassischen Positionen von Spicker, Cassirer,
Hartmann, Dingler und Popper" an der Westfälischen Wilhelms-Universität
Münster angenommen worden. Die Ergebnisse meiner vor allem um ein differenzierteres
Verständnis der Erkenntnistheorie werbenden Untersuchung sind im Juni 2005
in Buchform beim Georg Olms Verlag (Hildesheim) erschienen. In der Rubrik "Veröffentlichungen"
kann das Inhaltsverzeichnis der Arbeit eingesehen werden.
Chronologie: Zur Orientierung dient folgende Zeittafel (pdf-Datei), in
der wichtige biographische und bibliographische Daten zu Spicker, Cassirer,
Hartmann, Dingler und Popper festgehalten sind: Zeittafel
Im Zusammenhang mit der Beschäftigung mit der Philosophie Ernst Cassirers habe
ich im SS 2001 einen Vortrag in dem kleineren Kreis des Kolloquiums gehalten
mit dem Titel: 'Ernst Cassirer - Kritik des Zeitbegriffs Theodor Ziehens'. (Siehe
Einführungsreferate weiter oben) Der Zeitbegriff bei Cassirer - so scheint es
mir gegenwärtig - ist in nicht unbeträchtlichem Maße problematisch (vgl. Ernst
Wolfgang Orth / Hugo Dingler im vorliegenden Aufsatz) Die hier vorgelegte Version
stellt lediglich einen ersten tastenden Versuch dar und sollte nicht als überarbeitetes
und abgeschlossenes Zeugnis mißverstanden werden - dessen ungeachtet scheint
mir die vielschichtige Problematik der Zeit selbst interessant und gehaltvoll
genug, den Entwurf dem kritischen Leser präsentieren zu dürfen.
Literatur zur Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie: [link]
(Auswahl):
International Ernst Cassirer Society Website (leider seit langer Zeit außer
Betrieb):
http://www.cassirer-society.org
darunter u.a. zur Einführung die lesenswerte Biographie von John Michael Krois,
'Zum Lebensbild Ernst Cassirers (1874-1945)':
Die vergessene Tradition. Eine Erinnerung an Ernst Cassirer. Von Patrick Conley
(Sendemanuskript):
http://www.radio-feature.de/cassirer.html
http://www2.uni-jena.de/philosophie/phil/tr/7/hogrebe2.php
Warburg-Haus, Hamburg. Hier befindet sich die Ernst-Cassirer-Arbeitsstelle ECA.
Mit Berichten und Reden etc. insbes. von Birgit Recki zum Werk Cassirers oder
auch zur Davoser Disputation 1929 zwischen Ernst Cassirer und Martin Heidegger,
ferner ein Festvortrag von Ernst Wolfgang Orth über 'Ernst Cassirer und
die Kulturbedeutung der Wissenschaften':
http://www.warburg-haus.hamburg.de/eca/eca.htm
(Auswahl):
'Die' Wolfgang-Cramer Website der Internationalen Gesellschaft 'System der Philosophie'
mit zahlreichen weiterführenden E-Texten etc.:
http://h2hobel.phl.univie.ac.at/asp/wcramer.htm
Einführender Aufsatz von Stefan Groß zu Cramers Theorie des Absoluten:
http://www2.uni-jena.de/philosophie/phil/tr/12/gross.php
(Auswahl):
Das Nieman-Web zum kritischen Rationalismus allgemein (Hans Albert, Karl Popper
etc.):
http://www.opensociety.de/Web1/
The Karl Popper Web:
http://www.eeng.dcu.ie/~tkpw/
UB Uni Klagenfurt, Karl-Popper-Sammlung:
http://www.uni-klu.ac.at/ub/sondersammlungen/karl-popper-sammlung/index.html
http://www.univie.ac.at/science-archives/popper/de/index.html
Nicolai Hartmann (1882-1950)
(Auswahl bis auf vereinzelte Dokumente im Web kaum vorhanden!):
Zentrale Begriffe aus Hartmanns Lehre in Peter Möllers 'Philolex' (siehe
Personenregister):
http://www.philolex.de/philolex.htm
Spuren zu Hartmann (Suchfunktion nutzen!) finden sich auf der italienischen
Webseite allgemein zur Formalontologie
(in engl. Sprache):
http://www.formalontology.it/index.htm
Besonders interessant ist die um eine ausführliche Hartmann-Bibliographie
ergänzte Einführung 'The New Ontology of Nicolai Hartmann':
http://www.formalontology.it/hartmannn.htm
METAPHYSICA - International Journal for Ontology & Metaphysics
Die speziell Ontologie und Metaphysik gewidmete Zeitschrift (hg. von Rafael
Hüntelmann, Uwe Meixner und Erwin Tegtmeier) stellt ein internationales Forum
für den neuen 'ontologycal turn' im Anschluß an die angelsächsische Analytische
Philosophie dar. Insbesondere klassische neue Ontologien, wie u.a. die von Nicolai
Hartmann (vgl. hierzu die auszugsweise downloadbaren Arbeiten von Rafael Hüntelmann,
in dt. Sprache) finden hier neuerlich Berücksichtigung:
http://www.metaphysica.de/
Moritz Schlick (1882-1936)
In fast allen gängigen Einführungen und Stichwortverzeichnissen zum Thema Erkenntnistheorie
findet Schlicks 'Allgemeine Erkenntnislehre' Erwähnung. Eine kritische Gesamtausgabe
des Werkes ist geplant. Einzelheiten zur Ausgabe und Genaueres über den Physiker
und Philosophen sowie Begründer des 'Wiener Kreises' finden Sie bei der Moritz-Schlick-Forschungsstelle:
http://www.moritz-schlick.de
Zum Wiener Kreis allgemein siehe das Institut Wiener Kreis - Verein zur Förderung
wissenschaftlicher Weltauffassung:
http://www.univie.ac.at/ivc/
Neuere analytische
Erkenntnistheorie - 'moderne Erkenntnistheorie - traditionelle Erkenntnistheorie'
Nach der neueren analytischen Erkenntnistheorie muß sich sogar Peter Bieri zu
den Vertretern 'traditioneller Erkenntnistheorie' rechnen lassen, der 1987 eine viel
beachtete Anthologie zur Einführung in die angelsächsische Philosophie der Erkenntnis
herausgegeben hat (Analytische Philosophie der Erkenntnis, Weinheim 1987). Bieri bemerkt
in seiner generellen Einführung zu den Zielen der analytischen Philosophie: "Es wird
der Versuch gemacht, sich alte, klassische Themen anzueignen und sie voranzubringen, indem
man sie in neuen Begriffen, in einem neuen und differenzierten Vokabular reformuliert.
Zwar hat die Analytische Philosophie der Erkenntnis mit einigen traditionellen Theorien
der Erkenntnis - oder doch zentralen Stücken aus ihnen - ziemlich radikal gebrochen.
Trotzdem ist es so, daß man in den hier versammelten Texten viele alte Themen in neuem
Gewande wiedererkennt. Man würde den Titel dieses Bandes deshalb mißbrauchen, wenn man
ihn benutzte, um einen ideologischen Gegensatz zwischen Analytischer Philosophie der
Erkenntnis auf der einen Seite und 'traditioneller' oder 'kontinentaler' Erkenntnistheorie
auf der anderen Seite zu konstruieren. Eine solche Entgegensetzung wäre rein fiktiv und
verriete mehr Unkenntnis als tieferes Verständnis dieses zentralen philosophischen
Themas." (S. 9)
Nun ist im Jahr 2001 von Thomas Grundmann ein weiterer beachtlicher Sammelband
(Erkenntnistheorie. Positionen zwischen Tradition und Gegenwart. Paderborn 2001) zur
neueren analytischen Erkenntnistheorie herausgegeben worden, in dem Grundmann den von
Bieri zurückgewiesenen Gegensatz neuerlich forciert.
Aufschlußreich ist der einführende Beitrag von Grundmann mit dem prägnanten Titel 'Die
traditionelle Erkenntnistheorie und ihre Herausforderer' (S. 9-29). Ein Auszug:
"Bereits seit einer ganzen Reihe von Jahren werden die Grundpfeiler der
traditionellen Erkenntnistheorie durch neuere einflußreiche Strömungen der Philosophie
in Frage gestellt. Die Vertreter eines radikalen Naturalismus reduzieren das
Phänomen der Erkenntnis auf einen objektiven Gegenstand naturwissenschaftlicher
Forschung. In der Philosophie des Geistes wurde das traditionelle Bild durch die
Thesen des Gehalts-Externalismus und die Diskussion über die Möglichkeit eines
nicht-begrifflichen Wahrnehmungsgehalts nachhaltig erschüttert. Der vor allem vom späten
Wittgenstein ausgehende Kontextualismus betont die Interessenrelativität
erkenntnistheoretischer Phänomene und klagt die traditionell vernachlässigte soziale
Dimension des Wissens ein." (a.a.O. S. 9)
Durch neun wesentliche Thesen wird nach
Grundmann das 'traditionelle Paradigma' systematisch charakterisiert, das allerdings in
Reinform in der erkenntnistheoretischen Tradition von niemanden vertreten worden sei.
Vergleiche für folgende Zusammenfassung a.a.O. S. 14-16.
1) methodologischer Apriorismus
Die Theorie der Rechtfertigung beantwortet die erkenntnistheoretischen Fragen
ohne Rekurs auf empirisches Wissen. Die Natur der Rechtfertigung wird durch
Begriffsanalyse expliziert. Umfang und Kriterien gerechtfertigter Meinungen sollen
synthetisch a priori gerechtfertigt werden. Die Theorie der Rechtfertigung spielt die
Rolle einer ersten Philosophie - sie soll die Grundlagen des empirischen Wissens im
allgemeinen sichern. (angeführter Vertreter: der Kantianer Rudolf Eisler)
2) Antipsychologismus
Für die traditionelle Rechtfertigungstheorie ist die Beantwortung
erkenntnistheoretischer Fragen vollkommen unabhängig von Wissen über kausale Beziehungen
zwischen mentalen Zuständen oder Wissen über die kognitiven Fähigkeiten des Menschen.
(angeführter Vertreter: der Kantianer Rudolf Eisler)
3) epistemologischer Internalismus
(These von der 'Transparenz der Gründe') Danach sind rechtfertigende Tatsachen
so beschaffen, daß sie dem epistemischen Subjekt durch bloße Reflexion direkt
zugänglich sind. (angeführter Vertreter: Roderick Chisholm)
4) erkenntnistheoretischer Individualismus
These: Die Rechtfertigung jeder Meinung darf ausschließlich auf Informationen
beruhen, die das epistemische Subjekt selbst rechtfertigen kann. Erkenntnistheoretische
Arbeitsteilung wird ausgeschlossen. (angeführter Vertreter: John Locke)
5) Anti-Reduktionismus
These: Rechtfertigende Tatsachen können nicht auf nicht-epistemische Tatsachen
zurückgeführt werden. (angeführtes Beispiel: das Argument des 'naturalistischen
Fehlschlusses' (vom Sein zum Sollen)
6) Anti-Kontextualismus
These: Die Rechtfertigung ist nicht relativ zu den wandelbaren sozialen und
physikalischen Situationen, in denen sich das epistemische Subjekt zufällig befindet.
(angeführte Vertreter: Descartes, Roderick Chisholm)
7) Inferenzialismus
These: Eine Meinung kann nur dadurch gerechtfertigt werden, daß sie in
bestimmten logischen Beziehungen zu anderen mentalen Zuständen steht, die propositionalen
Gehalt besitzen. (angeführte Vertreter: Peter Bieri)
8) Doxastizismus
These: Nur Meinungen haben Rechtfertigungskraft. (von Donald Davidson beschrieben
als: '...daß nichts als Grund für eine Meinung in Frage kommt, was nicht selbst eine
Meinung ist'.)
9) psychosemantischer Internalismus
These der 'Autonomie des Mentalen': der Gehalt mentaler Zustände wird
unabhängig von der sozialen oder physikalischen Umwelt des kognitiven Subjekts
individuiert.
Motiviert sind diese Thesen nach Grundmann durch die Idee epistemischer Autonomie (das
Bild eines individuellen Subjekts, das in bezug auf erkenntnistheoretische Fragen
vollständig autonom ist). Grundmann weist auf die maßgebliche Prägung der
traditionellen Erkenntnistheorie durch Descartes und Kant hin und betrachtet die
Möglichkeit apriorischen Wissens und die Bedeutung des Subjekts für Wissen und
Wissenschaft als 'inzwischen fragwürdig geworden'.
Der Sammelband bietet ferner eine nach Themen strukturierte umfangreiche Bibliographie
(Resultat einer Kooperation verschiedener Autoren des Bandes). Auf folgende Internetquelle
wird u.a. verwiesen (vgl. a.a.O. S. 378.):
The Epistemology Page,
by Keith DeRose
http://pantheon.yale.edu/~kd47/e-page.htm
Der renomierte Erkenntnistheoretiker Keith DeRose informiert über die allerneueste
Literatur zur Erkenntnistheorie.
Heinrich Barth (1890-1965)
- Erkenntnis im Lichte praktischer Vernunft
Zeitgleich mit Heideggers Hauptwerk 'Sein und Zeit' (1927) erscheint Barths
'Philosophie der praktischen Vernunft'. In seinem zweiten, auf die beiden Bände
der "Philosophie der Erscheinung" (1947, 1959) folgenden, Hauptwerk
"Erkenntnis der Existenz" (1965) hält Barth rückblickend
fest: "Allein bereits Kants Philosophie der praktischen Vernunft ist in
ihren Grundpositionen Philosophie der Existenz. [...] Die praktische Vernunft
erfreut sich einer 'Autonomie', die sie von der Eigengesetzlichkeit der theoretisch-wissenschaftlichen
Vernunft unabhängig macht." (Erkenntnis der Existenz, Basel 1965,
48.) Wer annimmt, daß sich die Zuständigkeit für den Themenbestand
der Erkenntnistheorie auf das Gebiet wissenschaftlicher Beobachtungen und elaborierter
Theorien beschränkt, und wer darüber hinaus befürchtet, daß
die Existenzphilosophie einer "Mondlandschaft mit erloschenen Kratern"
(Erkenntnis der Existenz, Vorwort) gleichen müsse, der hat sicher noch
nie ein Buch von Heinrich Barth in der Hand gehabt. Leider ist Barth - er war
verspäteter Neukantianer (Studium u.a. in Marburg bei Cohen, Cassirer und
Natorp) und zeitweiliger Basler Kollege von Karl Jaspers - und mit ihm seine
systematische Entwicklung der Erkenntnis als ein genuin praktisches, handlungsbezogenes
Anliegen relativ unbekannt geblieben. Dies ist um so erstaunlicher, als bereits
die frühen Barthschen Themen von 1927, u.a. das (transzendentalphilosophische)
Begründungsdenken, die Beleuchtung der Diskrepanz zwischen Ethik und Moral
und die Herausarbeitung pragmatischer Gesichtspunkte in bezug auf das Erkennen,
von ungebrochener Aktualität sein dürften.
Einen Überblick über die Philosophie Barths verschafft ungeachtet
der speziellen Themenstellung der 1990 von Günther Hauff, Hans Rudolf Schweizer
u. Armin Wildermuth herausgegebene Sammelband: "In Erscheinung treten.
Heinrich Barths Philosophie des Ästhetischen." Basel, Schwabe &
Co.
Lieferbare Publikationen
von und über Barth bietet der schweizer Verlag Schwabe an: http://www.schwabe.ch
Heinrich Barth - Homepage
Umfangreiche Informationen über Barths Leben, Werk, die Barth-Forschung
sowie Einführungstexte bietet die Heinrich Barth - Homepage:
http://www.heinrich-barth.ch
Sozialphilosophie
Was ist Sozialphilophie? Infolge
der vielfachen Differenzierungen der praktischen Philosophie, die ursprünglich
nur Ethik sowie Staats- und Rechtsphilosophie umfaßte, ist die Sozialphilosophie
in den Ruf einer Verlegenheits- oder Residualdisziplin geraten, unter anderem
weil ihre Übergänge zur Soziologie und zur politischen Philosophie inzwischen
fließend sind. Wie Axel Honneth in seinem Artikel 'Sozialphilosophie' (Europäische
Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, hg. Hans Jörg Sandkühler, 4
Bde., Hamburg 1990) überzeugend festhält, ist für die Aufgabenbestimmung
der Sozialphilosophie deshalb eine Rückbesinnung auf ihre traditionelle
Herkunft sinnvoll. Unter diesem Gesichtspunkt wird nach Honneth nämlich deutlich,
daß es in der Sozialphilosophie "über einen langen Zeitraum im wesentlichen
um eine Bestimmung und Erörterung von solchen Entwicklungsprozessen der Gesellschaft
gegangen ist, die sich als Fehlentwicklungen oder Störungen, eben als 'Pathologien
des Sozialen', begreifen lassen".
Paul Jostock (1895-1965)
- Vordenker der Sozialreform und Demokratiegestaltung
An die unter anderem von Rousseau, Hegel und Marx geprägte Tradition der
sozialphilosophischen Fragestellungen knüpft auch das sozialkritische Werk
des Köwericher Ehrenbürgers, Sozialreformers und international anerkannten
Statistikers Paul Jostock an. Die von ihm formulierten sozialphilosophischen
Prinzipien entstammen der katholischen Soziallehre, deren eigenständigen
Charakter er ebenso deutlich betont wie sein ungleich bekannterer Zeitgenosse
Oswald von Nell-Breuning. Mit Hilfe vor allem der Grundprinzipien der Personalität,
Solidarität und Subsidiarität entwickelt Jostock eine Position jenseits
des individualistisch-liberalen Kapitalismus und zugleich jenseits des Sozialismus
und Kollektivismus, die er beide für verfehlte Extreme in der Verhältnisbestimmung
zwischen Individuum und Gesellschaft hält. Gleichwohl werden beide Extreme
nicht bloß von der Hand gewiesen, sondern einer eingehenden Kritik unterzogen,
die von einer umfassenden Kenntnis sowohl der nationalökonomischen Theorien
und Analysen (einschließlich der Werke von Marx) als auch der volkswirtschaftlichen
realen Verhältnisse zeugt. Der von Jostock eingeschlagene dritte Weg ist
der von Heinrich Pesch systematisch begründete christlichen Solidarismus, der
nach 1945 vor allem im Konzept der sozialen Marktwirtschaft wirksam wurde. Mit
diesem Konzept ist bereits durch den Grundgedanken: "So viel Freiheit wie
möglich, so viel Bindung wie notwendig“ das Subsidiaritätsprinzip verknüpft,
dem später im Maastrichter "Vertrag über die Europäische Union“ (1992)
internationale Bedeutung verliehen wurde.
- Eine allgemeinverständliche Einführung in das Denken Paul Jostocks
bietet seine Schrift "Grundzüge der Soziallehre und der Sozialreform",
die unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erschienen ist (1946)
und im Jahr 2006 neu herausgegeben wurde (S. Roderer Verlag, Hg. Kirstin Zeyer).
- 2006 ist ferner ein Sammelband erschienen, der die Beiträge vereint zu
den 5. Köwericher Akademischen Tagen 2005 (http://www.koakta.de) anläßlich des 40. Todestages
von Paul Jostock mit dem internationalen Symposion "Soziale Gerechtigkeit
– Zur Würdigung Paul Jostocks“ (S. Roderer Verlag, Hgg. Harald Schwaetzer, Henrieke
Stahl, Kirstin Zeyer).
- Anfang Mai 2007 erschienen: Zeyer,
Kirstin: Paul Jostock (1895-1965) – Christlicher Widerständler und Sozialreformer
aus der Trierer Region. Eine Einführung in Leben und Werk. Regensburg 2007.
(= Philosophie Interdisziplinär Bd. 20)
Siehe Rubrik Veröffentlichungen für das detaillierte Inhaltsverzeichnis.
Das Buch ist als eine erste Orientierung gedacht; es gliedert sich in drei Teile:
Teil I orientiert ausführlich über Leben und Werk (mit zahlreichen
fotogr. Abb.); Teil II behandelt sozialphilosophische Hintergründe wie
etwa den Solidarismus als 'Dritter Weg' zwischen Sozialismus und Kapitalismus,
Jostocks Auseinandersetzung mit Marx und dem Marxismus, die Wurzeln der christlichen
Soziallehre sowie die Aktualität Jostocks (besonders in bezug auf kulturelle
und soziale Einigungsprozesse in Europa), Teil III bildet den Anhang mit Tagebuch-Auszügen,
einer Zeittafel sowie einer ausführlichen Bibliographie.
Zeittafel (ausgewählte
Stationen und Veröffentlichungen):
1895: Paul Jostock wird am 17. Dezember in Köwerich/Mosel geboren.
1920-1923: Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Köln, München,
Würzburg und Freiburg.
1923-1927: Assistent beim Nationalökonomen und Soziologen Götz Briefs (1889-1974).
1925: Promotion in Freiburg bei Götz Briefs zum Dr. rer. pol. 1927: Dissertation:
Die Zukunft des Kapitalismus in der sozialwissenschaftlichen Literatur.
Freiburg i. Br.
1927-1944: Statistisches Reichsamt Berlin; 1927 anfänglich als wissenschaftlicher
Hilfsarbeiter (auf dem Gebiet der Finanz- und Steuerstatistik).
1928: Der Ausgang des Kapitalismus. Ideengeschichte seiner Überwindung.
München/Leipzig.
1930-1933: Referent für Öffentliche Finanzen beim Institut für Konjunkturforschung
Berlin
1930: Mitglied des sogenannten Königswinterer Kreises, zu dem u.a. Götz Briefs,
Oswald von Nell-Breuning (1890-1991), Heinrich Pesch (1854-1926) und Gustav
Gundlach (1892-1963) gehörten. Der von dem späteren Aachener Bischof Josef van
der Velden gegründete Kreis erarbeite die Grundlagen für die Sozialenzyklika
Pius XI. "Quadragesimo anno“ (1931).
1932: Der deutsche Katholizismus und die Überwindung des Kapitalismus. Eine
ideengeschichtliche Skizze. Regensburg.
1933: Nach 1933 Ablehnung mehrerer Angebote zur Übernahme fachwissenschaftlicher
Aufgaben und Lehraufträge, weil er weder direkt noch indirekt das NS-Regime
unterstützen wollte.
1941: Die Berechnung des Volkseinkommens und ihr Erkenntniswert. Stuttgart/Berlin.
1944: Kurz vor seiner Bombenverschüttung im Mai fand eine geheime Besprechung
von Widerstandskämpfern des 20. Juli in seiner Wohnung statt. Den Krieg überlebte
er versteckt im Schwarzwald.
1945-1947: Direktor des Statistischen Landesamtes Nordbaden in Karlsruhe. 1946:
Kommissarische Leitung des Württembergischen Statistischen Landesamtes in Stuttgart
(zusätzlich zu Karlsruhe). 1947: Direktor des Statistischen Landesamts Stuttgart;
Mitglied und später Korrespondent nur Deutschland der International Association
of Research in Income and Wealth.
1946: Grundzüge der Soziallehre und der Sozialreform. Freiburg i. B.;
Das Proletariat. Die grosse soziale Wunde unserer Zeit. Karlsruhe.
1948: Die Sozialen Rundschreiben: Papst Leo XIII. Über die Arbeiterfrage
(Rerum novarum); Papst Pius IX. Über die gesellschaftliche Ordnung (Quadragesimo
anno). Aus dem Lat. übersetzt. Mit Erläuterungen von Paul Jostock. Freiburg
i. B.
1952: Mitglied des Internationalen Statistischen Instituts in Den Haag.
1953-1961: Präsident des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg mit Sitz
in Stuttgart.
1955: Das Sozialprodukt und seine Verteilung. Paderborn; The Long-Term
Growth of National Income in Germany.
1962: Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.
1965: Der Deutsche Gewerkschaftsbund spricht ihm den Kulturpreis des Deutschen
Gewerkschaftsbundes 1965 zu. 24. April: Tod in Stuttgart. 19. Juli: Verleihung
des Kulturpreises des DGB 1965 an Prof. Eduard Heimann und (postum) Dr. Paul
Jostock im Recklinghäuser Haus der Ruhrfestspiele.
Weil die generelle Motivation zur
politischen Beteiligung und Bildung in Jostocks sozialphilosophischen Ideen
allgegenwärtig ist, bieten sie gerade auch einer breiteren Öffentlichkeit,
und nicht nur dem Fachpublikum, zahlreiche Anknüpfungspunkte. Als ein Leitmotiv
wider die politische Teilnahmslosigkeit erscheint mir hier besonders die Auffassung
Jostocks beherzigenswert, daß es die Pflicht des Staatsbürgers sei,
sich täglich aufs Neue zu sagen: „Tua res agitur! (Es handelt sich um deine
eigene Sache.)“
Links (Auswahl):
Paul Jostock im Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon:
http://www.bautz.de
Jostock-Text (1955) im Internet:
The Long-Term Growth of National Income in Germany
Artikel "Familienwiss. Politikberatung“ von Max Wingen (zugleich Würdigung
von Paul Jostock):
http://www.familienhandbuch.de
Artikel "Familienwissenschaft im Anspruch der Familienpolitikberatung“
von Max Wingen:
http://www.statistik-bw.de
1300 Jahr Feier. Symposium Ehrenbürger Dr. Paul Jostock (17.09.2004) in Köwerich.
(Abbildung und Lebenslauf):
http://www.koewerich.com/1300-symposium.htm
Soziale Gerechtigkeit. 5. Köwericher Akademische Tage. Zur Würdigung Paul Jostocks.
Anlässlich seines 40.-jährigen Todestages. 22.-24. April 2005 in Köwerich. (Programm):
http://www.koakta.de
Frankfurter Hefte, in denen Jostock publizierte, z.B. in Heft 2 (1946). Zur
Entstehung aus dem linkskatholischen Milieu siehe unter 'Profil’:
http://www.frankfurter-hefte.de
Die neue Ordnung, eine 1946 von Eberhard Welty gegründete Zeitschrift,
in der Jostock publizierte:
http://www.die-neue-ordnung.de
Europäisches Zentrum für Föderalismusforschung, Tübingen:
http://www.uni-tuebingen.de/ezff
Übersichtsseite der EU über Maßnahmen
für die regionale Entwicklung:
http://europa.eu.int/comm/regional_policy/index_de.htm
Informationen über die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung), deren erfolgreiches Bemühen, zu einer besseren Vergleichbarkeit
der in den verschiedenen Ländern verwendeten Volkseinkommensbegriffe zu gelangen,
u.a. auf Jostocks statistischer Methode basierte:
http://www.oecd.org
Karl-Marx-Haus, Trier.
Der Ausgangspunkt im Internet für die Auseinandersetzung mit Karl Marx.
Informationen u.a. über das (besuchenswerte!) Museum und das angeschlossene
Studienzentrum. Sehr hilfreich ist die online recherchierbare umfangreiche Bibliothek:
http://www.fes.de/marx
Reisehinweise
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(c) Alle Rechte vorbehalten, 1999ff.
Kirstin Zeyer, Münster,
http://www.kirstin-zeyer.de