Einführung und Übersicht: Kategorien und Schematismuslehre bei Immanuel Kant
(Vortrag WS 99/00 Methodologisches Kolloquium)

Phil. Wörterbuch, Schischkoff - Stichwort Kategorie:
Kategorie (vom griech. kategorein, "aussagen"), In der Phil. sind die Kategorien einerseits die allgemeinsten Wirklichkeits-, Aussage- und Begriffsformen, die "Stammbegriffe" (Kant), von denen die übrigen Begriffe ableitbar sind (Erkenntnisk.n, Bewußtseinsk.n), andererseits die Ur- und Grundformen des Seins der Erkenntnisgegenstände. (Seinsk.n, Realk.n). Das Verhältnis der Seins- und Erkenntnisk.n wird von der Erkenntnistheorie erforscht; Der dt. Idealismus faßte dieses Verhältnis als Identität auf;
Der Begründer der Kategorienlehre ist Aristoteles; er nahm 10 (Einzel- und Allgemein-)Kategorien an:
Substanz, Quantität, Qualität, Relation, Ort, Zeit, Tun, Leiden, Sichverhalten (Haltung), Sichbefinden (Lage).
Der Sache nach kennt schon Plato die 4 K.n Identität, Unterschied, Beharrung, Veränderung
Die Scholastik, die die K.n auch Prädikamente nannte, wußte nur von 6 K.n:
Sein oder Wesen, Qualität, Quantität, Bewegung (Veränderung), Beziehung, Sichverhalten (Habitus)
Descartes und Locke unterscheiden 3 K.n:Substanz, Zustand (Modus), Relation

Kant verstand unter K.n die Formen des Verstandes, welche die Erfahrung insofern bedingen, als sie der bloßen Wahrnehmung Erkenntnischarakter verleihen, für sich allein, also ohne Erfüllung durch Wahrnehmung, jedoch keinerlei Erkenntniswert haben. Kant stellt eine aus der entsprechenden Urteilstafel abgeleitete K.n-tafel von 12 in 4 Dreiergruppen geordneten K.n. auf; die ersten 6 nannte er mathematische, die letzten 6 dynamische K.n:

Tafel der Urteilsformen / Tafel der Kategorien
(nach B 95) / (nach B 106)

1. Quantität
Allgemeine / Einheit
Besondere / Vielheit
Einzelne / Allheit

2. Qualität
Bejahende / Realität [nicht =Dasein, Sachhaltigkeit!]
Verneinende / Negation
Unendliche [neu von Kant eingeführt] / Limitation

3. Relation
Kategorische / Inhärenz und Subsistenz [Substanz und Akzidenz]
Hypothetische [wenn...dann] / Kausalität und Dependenz [Ursache und Wirkung]
Disjunktive [entweder...oder] / Gemeinschaft [Wechselwirk. zw. dem Handelnden u. Leidenden]

4. Modalität
[betrifft nur den Wert der Kopula 'ist' in Bez. auf das Denken überhaupt,Vorform bei J. Locke]
Problematische [möglicherweise] / Möglichkeit-Unmöglichkeit
Assertorische [tatsächlich] / Dasein-Nichtsein
Apodiktische [notwendiger Weise] / Notwendigkeit-Zufälligkeit

Beachte: Kant geht es nicht um die Vollständigkeit des Systems, sondern nur um die Prinzipien zu einem System (leere Fächer, die ausgefüllt werden können, Verweis auf seine Methodenlehre) (B108); Plan zum Ganzen einer Wissenschaft (B 110)
-mathematische Kategorien: (1. u. 2.) gehen auf Gegenstände der Anschauung (rein, empirisch)
-dynamische Kategorien: (3. u. 4.) gehen auf Existenz der Gegenstände (auf einander o. zu Verstand) (B110)

Im 19. Jh. entwickelte Hegel das umfassendste und komplizierteste aller bisherigen K.nsysteme; dem folgte mit einer kritischen Darstellung E. v. Hartmann; und die bisher letzte bedeutende systematisch durchgeführte K.nlehre schrieb Nicolai Hartmann. Schopenhauer strich von den 12 Kantischen K.n alle bis auf die Kausalität; hier kündigt sich schon eine gegen alle K.n grundsätzlich skeptische Philosophie an, wie sie dann bes. bei Nietzsche begegnet. Außerhalb des Abendlandes hat vor allem die indische Phil. kompliziertere K.nsysteme aufgestellt. In der Gegenwart wird das K.nproblem im Rahmen der Ontologie behandelt.

Literatur:
F. A. Trendelenburg, Gesch. d. K.nlehre, 1864; Lask, Die Logik der Philosophie u. d. K.nlehre, 1911; O. Külpe, Zur K.nlehre, 1915; H. Heyse, Einl. i. d. K.nlehre, 1921; H. Pichler, Einf. i. d. K.nlehre, 1937; Nic. Hartmann, Der Aufbau der realen Welt, 21949; L. Lavelle, Introduction à l'ontologie, 1947; H. Krings, Transzendentale Logik, 1964

Stichwort Kategorialanalyse:
Kategorialanalyse (Kategorienlehre), untersucht die Natur und die Geltungsbereiche der Kategorien. Sie unterscheidet zwischen Kategorien der Wissenschaft und des begreifenden Denkens (z. B. Raum und Zeit) und solchen der Anschauung und des erlebenden Bewußtseins (z. B. Substanz, Gesetzlichkeit). Sie stellt fest, daß jedes Wissensgebiet seine eigenen Kategorien hat (die K. rechnet mit einer sehr großen, noch nicht übersehbaren Zahl von Kategorien) und daß nur wenige überall die gleiche Funktion haben. Kants Lehre, daß die Kategorien der Erkenntnis zugleich die der Gegenstände sind, ist nur mit gewissen Einschränkungen zutreffend: nicht alle Seinskategorien sind im menschlichen Verstande vertreten, denn sonst gäbe es nichts Unerkennbares. - Bisweilen tritt eine Kategorie an die Stelle einer anderen (z. B. in der Physik die Kausalität an die Stelle der Teleologie), bisweilen verändert sich der Inhalt einer Kategorie.
"So ist im Problem der Substanz (als Beharrenden) der Erkenntnisgang von der Materie zur Energie vorgedrungen, im Problem des real Allgemeinen von der substantiellen Form zur Gesetzlichkeit, im Zeitproblem von der naiv verstandenen Zeitanschauung zur Realzeit" (Nic. Hartmann, Ziele und Wege der K., in ZphF, II, 1948).
Da die K. es mit Seinsstrukturen zu tun hat, untersucht sie, wie weit sich im Einzelfall die Real- mit den Bewußtseinskategorien decken bzw. wie weit sie auseinanderklaffen (daher auch: differentielle K.). Sie decken sich weitgehend im Gebiet der reinen Mathematik; denn "das ideale Sein (der mathemat. Gegenstände) hat eine Nahstellung zum Bewußtsein, die für keine andere Seinsweise gilt, und diese ist greifbar im Phänomen einer unmittelbaren (apriorischen) Gegebenheit" (Nic. Hartmann, a. a. O.).
Sie klaffen weit auseinander im Gebiet des Organischen, weil die Lebensfunktionen dem Zugriff des Bewußtseins weitgehend entzogen sind. Bei alledem "lassen sich die Strukturen der Seinskategorien immer nur erraten, und zwar aus den Veränderungen, die die kategorialen Begriffe bei fortschreitender Erkenntnis des Gegenstandes erfahren."

Literatur: E.v. Hartmann, Kategorienlehre, 1923; N. Hartmann, Der Aufbau der realen Welt. Grundriß der allg. Kategorienlehre, 1949; A. Seiffert, Einige kategoriale Grundformen, 1972

Arsenij Gulyga, Immanuel Kant, S. 128f., über die Dreiteilung jeder Kategoriengruppe: Für Kant sind die Kategorien apriorisch. (Gleichwohl sind sie durchaus nicht angeboren, sondern von uns selbst erzeugt im Verlauf der 'Epigenesis der reinen Vernunft'.) [...] Auffällig [an der Kategorientafel] ist die dreigliedrige Einteilung jeder Kategoriengruppe. Hier läßt sich schon klar die künftige Hegelsche Triade erkennen: Thesis, Antithesis, Synthesis. Später (in der Kr.d.Urteilskraft) erläutert Kant seinen Gedanken in folgendem Bild:
"Man hat es bedenklich gefunden, daß meine Einteilungen in der reinen Philosophie fast immer dreiteilig ausfallen. Das liegt aber in der Natur der Sache. Soll eine Einteilung a priori geschehen...so muß nach demjenigen, was zu der synthetischen Einheit überhaupt erforderlich ist, nämlich erstens Bedingung, zweitens ein Bedingtes, drittens der Begriff, der aus der Vereinigung des Bedingten mit seiner Bedingung entspringt, die Einteilung notwendig Trichotomie sein.

Otfried Höffe, Immanuel Kant, über die drei Erkenntnisvermögen:
1. Sinnlichkeit
-Der Gegenstand ist durch eine Affizierung des Gemütes gegeben
-Die Fähigkeit des Gemütes, affiziert zu werden, heißt Sinnlichkeit (Rezeptivität). Die Wirkung des Gegenstandes, -die Materie der Sinnlichkeit, heißt Empfindung.
-Der Bezug auf den Gegenstand durch Empfindung heißt empirisch (a posteriori)
-Der (begrifflich) unbestimmte Gegenstand einer empirischen Anschauung ist die Erscheinung.
-Die reinen Anschauungsformen sind Raum und Zeit.
2. Verstand
-Der Gegenstand, eine unbestimmte Anschauungsmannigfaltigkeit, wird gedacht, d.h. bestimmt.
-Die Fähigkeit einen Gegenstand zu bestimmen, d.h. Vorstellungen von selbst (spontan) hervorzubringen, heißt Verstand, das Vermögen der Begriffe (Regeln).
-Der Bezug auf den Gegenstand durch die Kategorien des Verstandes heißt rein (a priori)
-Der Gegenstand als durch den Verstand bestimmte Erscheinung heißt Objekt.
-Die reinen Verstandesbegriffe sind die Kategorien
3. Urteilskraft
Die Urteilskraft ist das Vermögen, unter Regeln zu subsumieren, d. i. zu unterscheiden, ob etwas unter einer gegebenen Regel steht oder nicht. Die Bedingungen der Möglichkeit, reine Verstandesbegriffe auf Erscheinungen anzuwenden, sind transzendentale Zeitbestimmungen; sie sind sowohl begrifflich als auch sinnlich: die transzendentalen Schemata, ein transzendentales Produkt der Einbildungskraft.

Jeder Kategorie entspricht eine Modifikation der Zeitanschauung, z. B. sind das Schema der Substanz die Beharrlichkeit in der Zeit, das Schema der Notwendigkeit das Dasein eines Gegenstandes zu aller Zeit.
Die synthetischen Urteile, die aus reinen Verstandesbegriffen unter den Bedingungen der Schemata a priori 'herfließen' und allen übrigen Erkenntnissen a priori zugrunde liegen, sind die Grundsätze des reinen Verstandes: für die analytischen Urteile der Widerspruchssatz, für die synthetischen Urteile die Axiome der Anschauung, die Antizipationen der Wahrnehmung, die Analogien der Erfahrung (z. B. das Kausalitätsprinzip) und die Postulate des empirischen Denkens.

Beispiel: (Sinnlichkeit) Anschauung vermittelt uns Mannigfaltigkeit noch unstrukturierter Empfindungen (Sinneseindrücke). Damit daraus ein objektiver Gegenstand (z. B. ein Stuhl) wird, über den man sich mit anderen verständigen kann, bedarf es einer Regel:
(Verstand) Die Regel ist der Begriff (z.B. Stuhl); die Regel verdankt sich der Spontaneität des Verstandes, der sich Regeln 'ausdenkt'.

Ohne das Denken gibt es nur das Gewirr von Empfindungen, andererseits pflegt es keinen direkten Umgang mit der Wirklichkeit: es ist diskursiv. über Begriffe vermittelt, nicht intuitiv: unmittelbar anschauend.
Da Begriffe Regeln sind, bedeuten sie grundsätzlich ein Allgemeines - auch z.B. der emp. Begriff Stuhl, denn er beschreibt jedes Sitzmöbel der Art des Stuhles. Nur stützen sich sich die emp. Begriffe in ihrem Inhalt auf die Erfahrung und erhalten durch den Verstand mittels Vergleichung, Reflexion und Abstraktion bloß die Form der Allgemeinheit. Reine Verstandesbegriffe dagegen, etwa der Begriff der Kausalität, entspringen auch dem Inhalt nach aus dem Verstand (Kant). Durch sie ist die Einheit und Bestimmtheit einer gegebenen Anschauung allein möglich (Kant). Da die reinen Verstandesbegriffe nicht mehr von allgemeineren Begriffen abgeleitet sind, spricht Kant im Anschluß an Aristoteles von Kategorien.

Historische Einordnung u. Bewertung der Kategorien Kants nach Höffe:
Kant würdigt die Leistung des Aristoteles (10 Kategorien), hält ihm aber vor, daß er in Ermangelung eines Prinzips auf 'gut Glück' ausgesucht habe, dabei auch reine Modi, selbst einen empirischen Modus der Sinnlichkeit sowie abgeleitete Begriffe aufgenommen, dafür aber einige reine Begriffe übersehen habe (B 107). Diese Kritik unterstellt Aristoteles, er habe dasselbe wie Kant gesucht, nämlich eine Tafel reiner Verstandesbegriffe. Tatsächlich hat Aristoteles ein schlichteres Interesse. Im Ausgang von einem individuellen Gegenstand, z. B. Sokrates, fragt er, welche Formen sinnvoller Aussagen gemacht werden können: er ist ein Mensch, so und so lang, gebildet, älter als Plato usw. Die Kategorien bezeichnen jene höchsten Gattungen von Aussagen, die weder aufeinander noch auf eine weiter und höhere Gattung zurückführbar sind; Aristoteles gewinnt sie aus einer Abstraktion des beobachteten Sprachverhaltens.
Während erst Kant nach reinen Anschauungsformen sucht, gehört die Erforschung von Fundamentalbegriffen des Verstandes zu den Aufgaben jener phil. Diskussion des 17. und 18. Jahrhunderts, aus der die 'Kritik der reinen Vernunft' hervorgeht. Schon Locke und Hume suchen nach simple ideas, nach letzten Elementarbegriffen, die sie wegen ihrer empiristischen Grundeinstellung aber nicht auf den reinen Verstand zurückführen. Descartes und Leibniz dagegen glauben, das System der reinen Verstandesbegriffe, die ideae simplices (Descartes) bzw. das 'Alphabet der menschlichen Gedanken' (Leibniz), erlaube - so ihr rationalistischer Grundzug - Dinge an sich zu erkennen. Kants Entdeckung bei diesem Streit ist eine Position jenseits von Empirismus und Rationalismus.

Kant verwirft Empirismus: Nachweis ursprünglicher Formen im Denken, die sich nicht der Erfahrung verdanken, diese aber allererst möglich machen. (wo immer allgemeine, notwendige Einheit, dort handelt es sich um eine Einheit gemäß der Kategorien)

Kant verwirft Rationalismus: Die Kategorien sind auf die Zusammenfassung der sich in Raum und Zeit darbietenden Sinneseindrücke angewiesen. (Erkenntnis jenseits der Erfahrungsgrenzen ist ausgeschlossen)

Fazit/Überleitung
Die Analytik der Begriffe bekräftigt also die Einsicht der transzendentalen Ästhetik, daß erst auf Grund apriorischer Vorleistungen des Subjekts sich die objektiven Gegenstände konstituieren. Die reinen Anschauungsformen und die reinen Begriffe machen die Wahrheit (wie sie sich uns darbietet, nicht an sich) erst möglich. Die Kategorien, so heißt das Beweisziel der Analytik der Begriffe, sind die ursprünglich im Subjekt liegenden Bedingungen, ohne die keine begriffliche Einheit einer gegebenen Anschauung möglich ist. Kant erreicht sein Beweisziel durch zwei aufeinander aufbauende Schritte. Der erste Schritt, die metaphysische Deduktion, zeigt, wie man die reinen Verstandesbegriffe findet und worin diese liegen. Der zweite Schritt, die transzendentale Deduktion, legt dar, wie die Kategorien, obwohl sie der bloßen Spontaneität des Verstandes entspringen, mithin subjektiv sind, dennoch für die Konstitution aller Gegenstände unentbehrlich, also objektiv gültig sind.

Metaphysische Deduktion: Im Gegensatz zu Aristoteles möchte Kant die Kategorien nicht 'auflesen', sondern aus einem Prinzip herleiten. Dieses Prinzip entdeckt er in den Urteilsformen, denen jeweils eine Kategorie entspricht. Die vollständige Liste der Urteilsformen liefert die formale Logik (da sie unbeschadet aller Inhalte allein die Form der Urteile betrachtet).
Die spezifische Aufgabe des Verstandes (Verknüpfungsleistung) geschieht im Urteilen, ihm kommt also nicht nur das Vermögen zu denken zu, sondern auch das Vermögen zu urteilen.
Im letzten Schritt der metaphysischen Deduktion ordnet Kant jeder Urteilsform die entsprechende Kategorie zu.
Problem der metaphysischen Deduktion (Kritik bes. von Fichte, Hegel, Strawson): Kant legt eine fertige Urteilstafel vor, die er erläutert, aber nicht weiter begründet und im wesentlichen der formalen Logik seiner Zeit entnimmt. (Vorwurf der Zufälligkeit)

B 110 Betrachtungen Kants zur Kategorientafel
Kant verweist auf die 'Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft', in der er eine Probe davon gegeben habe, daß die Kategorientafel 'auf alle Momente einer vorhanden speculativen Wissenschaft, ja sogar ihre Ordnung, Anweisung gibt'. In den 'Metaph. Anfangsgr.' (A XXI) findet die 'Probe' am Begriff der Materie statt. Es folgt eine Einteilung in 4 Hauptstücke, den Kategorien der Quantität, Qualität, Relation u. Modalität folgend, nämlich in Phoronomie, Dynamik, Mechanik und schließlich die Phänomenologie.
Ferner wird Gulyga's Vermutungen über die Dreiteilung und deren Ähnlichkeit mit der Hegelschen Triade mit Kants 2ter Bemerkung zur Kategorientafel untermauert: 'Daß allerwärts eine gleiche Zahl der Kategorien jeder Klasse, nämlich drei sind, welches eben sowohl zum Nachdenken auffordert, da sonst alle Einteilung a priori durch Begriffe Dichotomie sein muß. Dazu kommt aber noch, daß die dritte Kategorie allenthalben aus der Verbindung der zweiten mit der ersten ihrer Klasse entspringt.
In diesem Sinne erläutert Kant, daß die Allheit (Totalität) nichts anderes sei als die Vielheit als Einheit betrachtet (siehe Kategorientafel!), die Einschränkung nichts anderes als die Realität mit Negation verbunden usw.
Kant betont jedoch, daß man dabei nicht den Fehler begehen dürfe, sich den dritten Begriff bloß aus den vorigen abgeleitet zu denken, da dazu ein besonderer Actus des Verstandes erforderlich sei: 'So ist der Begriff einer Zahl (die zur Kategorie der Allheit gehört) nicht immer möglich, wo die Begriffe der Menge und der Einheit sind (z. B. in der Vorstellung des Unendlichen) ...' usw.

Die transzendentale Deduktion der Kategorien
Die transzendentale Deduktion meint (ebensowenig wie die metaphys. Ded.) keine formallogische Begründung (Ableitung von Aussagen etc.). Ohne die Regeln formalen Schließens zu verletzen, erklärt die transz. Deduktion die 'Art, wie sich Begriffe a priori', die Kategorien, 'auf Gegenstände beziehen können' (B 117).
Kants Beweisziel ist die objektive Gültigkeit von Kategorien im allgemeinen. Höffe weist darauf hin, daß Fichte mit seiner entsprechenden Kritik im Recht sei, denn an keiner Stelle der transzendentalen Deduktion befaßt sich Kant mit den einzelnen Kategorien in ihren Inhalten. Kants Beweisgang ist zudem kompliziert dadurch, daß der erste Schritt von 'oben', vom Verstand und seiner Tätigkeit des Verbindens, der zweite aber von 'unten', von der empirischen Anschauung und ihrer Einheit, geführt wird.
Mit der transzendentalen Deduktion habe Kant ein äußerst schwieriges Theoriestück entworfen, dessen Darstellung ihm nur mit Mühe einigermaßen befriedigend gelungen sei: "Noch in der zweiten Auflage führt die innere Vielfältigkeit der Aufgabe zu einer Verwicklung und Verwindung der Gedanken mit Wiederholungen, Vor- und Rückblenden, die den Interpreten ein hohes Maß an Auslegekunst abverlangen." Kant-Kenner wie Heidegger zögen daher die erste Fassung der Deduktion vor. Höffe folgt der zweiten.
Die Aufgabe der transzendentalen Deduktion: Durch eine Zurückführung der Kategorien auf ihren Ursprung weist die transz. Ded. nach, daß ohne die Kategorien keine Gegenstände, folglich keine Erfahrung möglich, die Verwendung von Kategorien in der Erfahrung deshalb rechtmäßig ist. (B 116f.)

Wenn man den ersten Aussageteil noch einmal im Geiste Revue passieren läßt, nämlich "ohne die Kategorien keine Gegenstände", so stellt sich berechtigter Weise die Frage, wieso die Kategorien für die Gegenstände unentbehrlich sind. Nun sind alle Gegenstände der Erfahrung a posteriori, die Kategorien aber von ihrem Begriff her a priori gültig. Also bleibt die kategoriale Grundlage der Gegenstände so lange unmöglich, wie der Ursprung der Kategorien im Rahmen einer empirisch-psychologischen Deduktion in der 'Erfahrung und Reflexion über dieselbe' gesucht wird (B 117), d.h. empirisch kann die objektive Gültigkeit der Kategorien nicht dargelegt werden. Die Erfahrung kann höchstens zeigen, aus welchen 'Gelegenheitsursachen' die Kategorien erzeugt werden. Die Kategorien verdanken sich ihrem Ursprung nach also nicht den Gegenständen, da sie sich nicht aus der Erfahrung begründen lassen, sondern - wie schon die reinen Anschauungsformen - entspringen der apriorischen Verfaßtheit des Subjekts, dem bloßen Denken. Damit müssen sich also auch umgekehrt die Gegenstände den Kategorien verdanken.
Kant, das sei noch einmal betont, geht es um die objektive Gültigkeit der Kategorien, um ihre 'Rechtmäßigkeit', wie er sagt oder wie es von ihm am Beispiel des Rechtshandels formuliert wird in der Frage des 'quid iuris', in Unterscheidung von der empirischen Deduktion, der es lediglich um die Frage des 'quid facti', der faktischen Entstehung geht: 'Begriffe, die den objektiven Grund der Möglichkeit der Erfahrung abgeben, sind eben darum notwendig. Die Entwicklung der Erfahrung aber, worin sie angetroffen werden, ist nicht ihre Deduktion (sondern Illustration), weil sie dabei doch nur zufällig sein würde.' (B 126)
Die transzendentale Deduktion zeigt, daß die Kategorien nicht etwa bloße Gedankendinge, sondern notwendige Bausteine aller Gegenständlichkeit sind; sie haben eine transzendental-ontologische Bedeutung.

Umwandlung der Wahrnehmungsurteile in Erfahrungsurteile
Ein wichtiger Baustein zum weiteren Verständnis ist die Klärung dessen, was Kant unter 'Erfahrung' versteht, die ja allein durch die Kategorien der Form des Denkens nach hier ermöglicht werden soll. (Die andere Form, deren Grundlegung in der transzend. Ästhetik vorgenommen wurde, und die unerläßlicher Baustein der Erfahrung ist, ist die Anschauung; Erfahrung = Anschauung + Begriff (von Gegenstand in Anschauung)). Unter Erfahrung im strengen Sinne versteht Kant nicht alle empirischen Urteile. Wahrnehmungsurteile enthalten keine Kategorien, sondern nur logische Verknüpfungen, und fallen daher nicht unter die Erfahrung im strengen Sinne. Sie folgen nicht den reinen Denkgesetzen, sondern treffen bloß faktisch zufällig und nicht begründeterweise, notwendig zu. Ein bloßes Wahrnehmungsurteil wie z.B. "wenn ich einen Körper trage, so fühle ich einen Druck der Schwere" (B 142) enthält keine Kategorien, sondern die logische Verknüpfung (wenn A - so B) zweier Wahrnehmungen (A: ich trage einen Körper; B: ich fühle einen Druck der Schwere). Das Verhältnis von Subjekt (Körper) und Prädikat (schwer) wird nicht nach reinen Denkgesetzen, sondern nach empirischen Gesetzen der Assoziation (Humes 'psychologische Gewohnheit) gebildet. Die Verknüpfung trifft nur faktisch (quid facti) und nicht begründeterweise (quid iuris) zu, also nur zufällig und nicht notwendig. Wahrnehmungsurteile sind bestenfalls von komparativer, nicht absoluter Allgemeinheit. Erfahrungsurteile dagegen ("der Körper ist schwer") verknüpfen das Subjekt mit dem Prädikat durch eine Kategorie. Die Schwere wird als Eigenschaft (Akzidenz) des Dinges (der Substanz), des Körpers, angesehen. Die behauptete Beziehung (die Schwere des Körpers) gilt nicht länger als eine subjektive Meinung, sondern als objektives Wissen; sie ist im strengen Sinn als notwendig (apodiktisch) und allgemein, gleichsam öffentlich gültig anerkannt. Die 'Umwandlung' der Wahrnehmungsurteile in Erfahrungsurteile geschieht mit Hilfe der Kategorien. Höffe fügt hinzu, 'es sind also die reinen Denkformen, die jene objektive Erkenntnis ermöglichen, die Platon und Aristoteles als episteme im Unterschied zur doxa bezeichnet haben und die bei Kant Erfahrung im strengen Sinn heißt.'

Exkurs: Wahrnehmungs- und Erfahrungsurteile bei Peter Rohs
[Peter Rohs: Wahrnehmungsurteile und Erfahrungsurteile. In: Kant in der Diskussion der Moderne. Hrsg. von Schönrich, Gerhard und Yasushi Kato. Frankfurt a. M. 1996. S. 166-189.]
Im Verlauf der transzendentalen Deduktion werden wir sehen, daß der Garant für diese 'Umwandlung' der Wahrnehmungsurteile in Erfahrungsurteile letztlich im Selbstbewußtsein, der 'transzendentalen Apperzeption' zu suchen ist. Dieser Vorgriff ist an dieser Stelle nötig, um einigen aktuellen und an dieser Stelle sicher interessanten Überlegungen zu den beiden Urteilstypen folgen zu können.

Peter Rohs betont in seinem Aufsatz (s.o.) "Wahrnehmungsurteile und Erfahrungsurteile": "Es kommt nicht darauf an, daß Raum und Zeit 'in uns' sind, sondern daß zu möglicher Erfahrung gehören muß, daß Einzelnes raumzeitlich lokalisiert werden kann." Rohs zufolge hebt Kant besonders im Opus postumum hervor, daß es ungereimt sei, von einzelnen Erfahrungen zu sprechen, und daß somit Erfahrungsurteile Glieder eines Systems seien. Als Beispiel für die Richtigkeit Rohs' Feststellung findet sich im Opus postumum z.B. folgende Stelle: "Es ist ungereimt von Erfahrungen zu sprechen sondern man kan[n] im[m]er nur sagen 'das lehrt die Erfahrung' aber diese so apodiktisch absprechende Lesart ist in der That bloße Anmaßung und es kan[n] nur Annäherung zu jener durchgängigen Bestim[m]ung seyn welche zum Titel der Erfahrung berechtigt ist [...]." (Opus postumum, VII. Conv., I. Bogen, 3. Seite) An mehreren Stellen im Opus postumum betont Kant, daß es nur eine Erfahrung, sowie nur einen Raum und eine Zeit gibt.
Diese Interpretation entspricht der These meiner Magisterarbeit, daß die Erfahrung bei Kant als ein System aufzufassen sei. Er hält fest, daß sowohl Wahrnehmungsurteile, als auch Erfahrungsurteile auf die Einheit der transzendentalen Apperzeption angewiesen sind. Allerdings ist für Erfahrungsurteile noch mehr erforderlich: "Das Selbstbewußtsein garantiert durch seine Struktur, daß wir 'Gedanken fassen können' [...]. Es allein kann aber nicht garantieren, [...] daß die gesetzmäßige Einheit, die das System der Erfahrung auszeichnet, möglich ist." Laut Rohs geht die Konstruktion einer zeitneutralen Kopula, beispielsweise durch die Einführung von Uhrzeiten, über das, was anschaulich gegeben sein kann, hinaus. Obwohl auch Wahrnehmungsurteile sich auf Gegenstände beziehen, bleibt ihre Intersubjektivität auf die präsentische beschränkt. Rohs führt drei wesentliche Umstände an, die in Wahrnehmungsurteilen nicht enthalten sein können:

1. Objektive Datierungen und Lokalisierungen (Kalenderdaten, Uhrzeiten, geographische Koordinaten usw.).
2. Maßangaben (z. B. Temperaturangaben).
3. Kausalverhältnisse (in jeder singulären Kausalaussage wird ein generelles Gesetz unterstellt).

Die Wahrnehmungsurteile faßt Rohs unter den Husserlschen Begriff der "Lebenswelt". Er zieht den Schluß, daß die Einheit des Systems der Erfahrung, mithin Raum und Zeit, eine andere sein muß, als die des Selbstbewußtseins: "Die Erfahrung, die wie Raum und Zeit eine einzige ist, ist also ein umfassendes System (wie ebenfalls Raum und Zeit), aber nicht von Vorstellungen einer Person, sondern von Propositionen im logischen Raum." Die Versuche von Autoren, wie zum Beispiel Descartes oder Husserl, das Wissen des Selbstbewußtseins (obgleich es in seiner reflexiven Struktur perfekt sei) zur Grundlage einer Philosophie zu machen, hält Rohs für wenig sinnvoll, da hier die systematische Einheit zugunsten eines wahrnehmungsmäßig evidenten Wissens vernachlässigt wird. Was das System betrifft, so handelt es sich im transzendentalen Sinn immer bloß um mögliche Erfahrung. Denn nach Rohs kann im Sinne Kants eine Natur als Inbegriff aller Gegenstände einer möglichen Erfahrung auch als eine "transzendental mögliche Welt" beschrieben werden, "[...] als eine mögliche Welt, in der eine vollständige Erfahrung von dieser Welt möglich ist." Er betont, daß nicht jede logisch mögliche Welt jedoch auch eine transzendental mögliche Welt ist, denn für letztere stellen die synthetischen Urteile a priori die Bedingungen dar. So soll auch das Kausalprinzip nur für die transzendental mögliche Welt gelten, in der allein Erfahrung möglich ist, nicht jedoch etwa für akausale Welten, die logisch durchaus möglich sind. Als Prinzip dafür formuliert er eine Version Kants "obersten Grundsatzes aller synthetischen Urteile": "Die wirkliche Welt ist eine transzendental mögliche".

Drei Sätze des obersten Grundsatzes aller synthetischen Urteile möchte ich in diesem Zusammenhang hervorheben: "Die Möglichkeit der Erfahrung ist also das, was allen unsern Erkenntnissen a priori objektive Realität gibt." (KrV B 195 A 156) "Das oberste Principium aller synthetischen Urteile ist also: ein jeder Gegenstand steht unter den notwendigen Bedingungen der synthetischen Einheit des Mannigfaltigen der Anschauung in einer möglichen Erfahrung." (KrV B 197 A 158) "[...] die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung überhaupt sind zugleich Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung, und haben darum objektive Gültigkeit in einem synthetischen Urteile a priori." (KrV B 197 A 158)
Entscheidend ist die sich daran anschließende Interpretation des obersten Grundsatzes als ein Postulat, denn obgleich es nach Kant die Möglichkeit der Erfahrung ist, was allen unseren Erkenntnissen objektive Realität gibt, sei das Faktum der Erfahrung selbst nicht zu sichern. Kant begreife mögliche Erfahrung als etwas "ganz zufälliges". Daher wird mögliche Erfahrung postuliert als zukünftiges Faktum. Rohs zufolge sind die von Kant angegebenen Bedingungen möglicher Erfahrung, die als System seine Struktur letztlich von der Tafel der Urteilsformen bezieht, nicht zu verteidigen, da sie einen angeblichen festen Satz von Grundoperationen des Verstandes behaupten.

Daß die Behauptung eines angeblich festen Satzes von Grundoperationen leicht ins Wanken gerät, zeigt bereits die Uneinheitlichkeit der Darstellung der Kategorientafel Kants. Es finden sich zum Beispiel in der ansonsten lesenswerten "Einführung in die Philosophie" von Nicolai Hartmann einige Vertauschungen des Originals. Bezüglich der Quantität ordnet Hartmann allgemeine Urteile der Kategorie der Allheit zu und einzelne Urteile der Kategorie der Einheit. Bei Kant entsprechen allgemeine Urteile der Kategorie der Einheit und einzelne Urteile der Kategorie der Allheit. Bezüglich der Modalität herrscht bei Hartmann eine andere Reihenfolge: 1. Assertorische Urteile werden der Kategorie der Wirklichkeit und Unwirklichkeit zugeordnet. 2. Problematische Urteile werden der Kategorie der Möglichkeit-Unmöglichkeit zugeordnet. Bei Kant erscheint erst 2. und dann 1. (in diesem Punkt heißt die Kategorie zusätzlich Dasein-Nichtsein). Vgl. Hartmann, Nicolai: Einführung in die Philosophie. 6. Auflage. Osnabrück o. J. (Nachschrift der Vorlesung im Sommersemester 1949 in Göttingen). S. 44. Eine andere Darstellung führt bei genauerer Betrachtung zu völlig anderen Beziehungen und Interpretationen der Kategorientafel. Zumindest wird offensichtlich, daß der vermeintlich feste Satz von Grundoperationen des Verstandes selbst wieder erklärungsbedürftig ist.

Wie eingangs angeführt, kommt Rohs bezüglich Raum und Zeit zu dem Schluß, daß zu möglicher Erfahrung gehören muß, daß Einzelnes raumzeitlich lokalisiert werden kann. Als Beziehungssystem sei die Natur als der "Inbegriff aller Gegenstände" zu groß: "Ein umfassendes System referierender Ausdrücke muß die Gestalt eines raumzeitlichen Koordinatensystems haben."
Wie ein System der Erfahrung nach Rohs möglich sei, wird ferner in seinem Aufsatz gezeigt, so daß erst durch die Wahrnehmungsurteile möglich wird, ein System zu errichten, aus dem im zweiten Schritt als geschlossenes System der Erfahrung die Wahrnehmungsurteile wieder entfernt werden können. Rohs bezieht sich in seiner Untersuchung unter anderem auf Ausführungen von Erhard Scheibe zur Quantenmechanik. Hervorzuheben ist in unserem Zusammenhang, daß dieses System durch singuläre Erfahrungsurteile möglich wird, deren singuläre Termini (die Koordinaten) ebenso theoretisch sind, wie die Prädikate. Allerdings sind die in der Untersuchung angeführten singulären Erfahrungsurteile "[...] nur im Rahmen komplizierter mathematischer Theorien möglich.". Rohs Verfahren erinnert an die Methodik Hugo Dinglers, in der die uneindeutigen Gebiete durch die Überführung in das System eindeutig gemacht werden sollen, beziehungsweise die bestehenden Wissenschaften methodisch rekonstruiert werden, so daß die dabei verwendeten Hypothesen schließlich entfernt werden können. Rohs erwähnt ihren Ahnherren Dingler zwar nicht, aber er würdigt Paul Lorenzen und Peter Janich mit der von ihnen entwickelten "Protophysik", die einen Versuch darstelle, "[...] zirkelfrei und streng methodisch einen möglichen Weg von der alltäglichen Lebenswelt (zu der auch der praktische Umgang mit Dingen gehört) zur physikalischen Erfahrung und insbesondere zu 'Meßprotokollsätzen' zu rekonstruieren." Auf diesem Weg dürfen zwar synthetische Urteile a priori in Anspruch genommen werden, aber "[...] weder in die Lebenswelt noch in die synthetischen Urteile a priori darf etwas hineingelegt werden, das die Erfahrung darüber hinaus, daß sie überhaupt möglich sein muß, zusätzlich einschränkt. Der Verstand kann nicht, wie Kant meinte, der Natur die Gesetze vorschreiben [...], aber er darf postulieren, daß die Natur eine transzendental mögliche Natur ist."

Transzendentale Deduktion, Fortsetzung
Kehren wir nach diesem Exkurs zum Original zurück. Die transzendentale Deduktion soll die Art erklären, wie sich Begriffe a priori, also die Kategorien, auf Gegenstände beziehen kann. Vorhin war von dem komplizierten Beweisgang Kants die Rede, da er zum einen sozusagen 'von oben', vom Verstand her, und zum anderen 'von unten', von der empirischen Anschauung her geführt wird. Kants Beweisgang gliedert sich tatsächlich in zwei Beweisschritte. Im ersten Beweisschritt begründet Kant, daß der Ursprung aller Einheitsstiftung im transzendentalen Selbstbewußtsein liegt, das zu seiner Bestimmtheit die Kategorien braucht. Während der erste Beweisschritt die Reichweite der Kategorien darlegt - ohne Kategorien keine objektive Erkenntnis -, weist der zweite Beweisschritt in Auseinandersetzung mit drei Einwänden die Grenze der Anwendung nach: der Erkenntniswert der Kategorien ist auf Gegenstände möglicher Erfahrung beschränkt.

Was den ersten Beweisschritt betrifft, gibt Kant in der ersten - und auch von Heidegger bevorzugten - Fassung der KrV eine nützliche Zusammenfassung des im folgenden Darzulegenden:
"Es sind aber drei ursprüngliche Quellen (Fähigkeiten oder Vermögen der Seele), die die Bedingungen der Möglichkeit aller Erfahrung enthalten, und selbst aus keinem anderen Vermögen des Gemüts abgeleitet werden können, nämlich, Sinn, Einbildungskraft und Apperzeption. Darauf gründet sich I) die Synopsis des Mannigfaltigen a priori durch den Sinn; 2) die Synthesis dieses Mannigfaltigen durch die Einbildungskraft; 3) die Einheit dieser Synthesis durch ursprüngliche Apperzeption. Alle diese Vermögen haben, außer dem empirischen Gebrauch, noch einen transz., der lediglich auf die Form geht, und a priori möglich ist. Von diesem haben wir in Ansehung der Sinne oben im ersten Teile geredet, die zwei andre aber wollen wir jetzt ihrer Natur nach einzusehen trachten." (A 95)

Erörterte Struktur der KrV bisher:

1) Transzendentale Ästhetik
Sinne, Anschauung a priori
2) Transzendentale Analytik
Begriffe, Kategorien a priori
1) + 2) = ermöglichen Erfahrung im strengen Sinn

2) Transzendentale Analytik
Metaphysische Deduktion [A]
1. Urteilstafel
2. Kategorientafel
Transzendentale Deduktion [B]
1. Ursprung aller Einheitsstiftung im transzendentalen Selbstbewußtsein
Ursprüngliche Quellen bzw. Vermögen der Seele [empirischer und transz. Gebrauch möglich, in KrV nur transz. Gebrauch untersucht, der a priori möglich ist]:
1) Sinn (darauf gründet sich: Synopsis des Mannigfaltigen a priori) siehe Transzendentale Ästhetik
2) Einbildungskraft (darauf gründet sich: Synthesis dieses Mannigfaltigen)
3) Apperzeption (ursprüngliche) (darauf gründet sich: Einheit dieser Synthesis)
2. Erkenntniswert der Kategorien ist auf Gegenstände möglicher Erfahrung beschränkt

Synthesis des Mannigfaltigen (vgl. 2) Einbildungskraft, obiges Schema)
Alles Erkennen besteht in der Verbindung einer Vielfalt von Vorstellungen (Anschauungen oder Begriffen) zu einer Einheit. Diese Verbindung - Kant nennt sie Synthesis - kann niemals durch die Sinne zustande kommen, denn diese sind bloß rezeptiv; folglich kann sich die Verbindung auch nicht der reinen Form sinnlicher Anschauung verdanken. Die einheitsstiftende Verbindung entstammt nicht dem Objekt, sondern dem Subjekt, und zwar (1.) einer von der Sinnlichkeit verschiedenen Erkenntnisquelle, die (2.) nicht rezeptiv, sondern selbsttätig ist. Es ist die Spontaneität der Verstandeshandlung - so ein erstes Zwischenergebnis -, die alle Synthesis vollbringt (B 130).
Da der Begriff der Verbindung aber, neben dem Begriff des Mannigfaltigen und der Synthesis, auch den der Einheit mit sich führt, fährt Kant diesbezüglich fort: "Verbindung ist Vorstellung der synthetischen Einheit des Mannigfaltigen". Die Vorstellung der Einheit kann also nicht selbst wieder der Verbindung entstammen, sondern diese macht nach Kant den Begriff der Verbindung allererst möglich. Hiermit verweist Kant also auf eine -der Verbindung vorgeschalteten- noch höhere Einheit, die allerdings nicht mit der Kategorie der Einheit verwechselt werden darf, da sie auf einer qualitativ höheren Einheitsstufe steht, durch welche erst die kategoriale Einheit entspringt.

Apperzeption (vgl. 3), obiges Schema)
Diese höchste Einheit ist die synthetische Einheit der Apperzeption, von der Kant sagt, daß sie der höchste Punkt sei, an dem man allen Verstandesgebrauch, selbst die ganze Logik, und, nach ihr, die Transzendentalphilosophie heften müsse, ja dieses Vermögen sei der Verstand selbst (B134). Wie bereits vorweggenommen, meint Kant hiermit das Selbstbewußtsein. Am Anfang des Paragraphen findet sich auch der viel zitierte Satz: 'Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können.' Dasjenige Selbstbewußtsein, welches die Vorstellung des 'Ich denke' hervorbringt, nennt Kant reine bzw. ursprüngliche Apperzeption und die Einheit derselben die 'transzendentale Einheit des Selbstbewußtseins'. Damit Kant zeigen kann, daß es sich bei der synthetischen Einheit der Apperzeption um einen notwendigen Grundsatz handelt, muß die Notwendigkeit aus der Sache selbst hervorgehen, denn bei dem Grundsatz selbst handelt es sich lediglich um einen analytischen Satz, der nicht mehr besagt, als daß ich die durchgehende Identität meines Selbstbewußtseins, vorausgesetzt, ich will nicht in verschiedene 'Selbst' zerfallen, voraussetzen muß. Kant sagt nun, daß dieser Satz aber doch eine Synthesis des in einer Anschauung gegebenen Mannigfaltigen als notwendig erkläre, ohne welche jene durchgängige Identität des Selbstbewußtseins nicht gedacht werden könne: "Denn durch das Ich, als einfache Vorstellung, ist nichts Mannigfaltiges gegeben; in der Anschauung, die davon unterschieden ist, kann es nur gegeben und durch Verbindung in einem Bewußtsein gedacht werden. Ein Verstand, in welchem durch das Selbstbewußtsein zugleich alles Mannigfaltige gegeben würde, würde anschauen; der unsere kann nur denken und muß in den Sinnen die Anschauung suchen. Ich bin mir also des identischen Selbst bewußt, in Ansehung des Mannigfaltigen der mir in einer Anschauung gegebenen Vorstellungen, weil ich sie insgesamt meine Vorstellungen nenne, die eine ausmachen. Das ist aber so viel, als, daß ich mir einer notwendigen Synthesis derselben a priori bewußt bin, welche die ursprüngliche synthetische Einheit der Apperzeption heißt, unter der alle mir gegebenen Vorstellungen stehen, aber unter die sie auch durch eine Synthesis gebracht werden müssen." (B 135)
Hier macht sich wieder die Kantische Grundkonzeption der Anschauung in Verbindung mit dem Verstand bemerkbar: der Verstand kann nur denken, die Anschauung erhält er durch die Sinne. Das Mannigfaltige der Anschauung, das als oberster Grundsatz der transzendentalen Ästhetik unter den formalen Bedingungen des Raumes und der Zeit steht, wird nun in Beziehung auf den Verstand in einen obersten Grundsatz gebracht, nämlich daß es unter der Bedingung der ursprünglich-synthetischen Einheit der Apperzeption stehe (B 136).
Weil ohne das transzendentale Selbstbewußtsein kein Verbinden möglich ist, ohne das Verbinden aber keine unbestimmte Anschauungsvielfalt die Einheit und Bestimmung eines Objekts erhält, ist die ursprünglich-synthetische Einheit die objektive Bedingung aller Erkenntnis. Kant gibt hierfür ein schönes Beispiel: die bloße Form der äußeren sinnlichen Anschauung, der Raum, ist an sich noch gar keine Erkenntnis. Um aber irgend etwas im Raume zu erkennen, z. B. eine Linie, muß ich sie ziehen, und also eine bestimmte Verbindung des gegebenen Mannigfaltigen synthetisch zustande bringen, so, daß die Einheit dieser Handlung zugleich die Einheit des Bewußtseins (im Begriff einer Linie) ist, und dadurch allererst ein Objekt (ein best. Raum) erkannt wird. (B 139)
Während nun das transzendentale Selbstbewußtsein als Ursprung jeder Verbindung einer Mannigfaltigkeit angesehen werden kann, ist der Zusammenhang mit den Kategorien jedoch in den Hintergrund getreten. Daher läßt Kant den ersten Beweisschritt der transzendentalen Deduktion schließlich in der These gipfeln, die Mannigfaltigkeit einer gegebenen Anschauung stehe notwendig unter Kategorien. Höffe sagt zur Begründung dieser These folgendes: In seiner Begründung greift Kant auf die logische Form aller Urteile zurück, hier auf die Kopula 'ist', die Subjekt und Prädikat zur Einheit des Urteils verbindet. Dabei bezeichnet die Kopula jede Form einer Verbindung und sieht von aller Bestimmtheit ab, wie sie durch die verschiedenen empirischen und reinen Begriffe geleistet wird. Die Kopula - so Kants Andeutung eines Arguments - weist auf die objektive und notwendige Einheit der Apperzeption hin. Auch wenn das Urteil ("Körper sind schwer") inhaltlich betrachtet empirisch, mithin zufällig ist, wird die Verbindung von Subjekt und Prädikat als in der Sache selbst begründet und in diesem Sinn als objektiv und notwendig behauptet. Die Objektivität und Notwendigkeit einer Verbindung verdankt sich aber, das wissen wir aus der metaphysischen Deduktion, den Kategorien. Deshalb kommt die Verbindung einer Mannigfaltigkeit nur mit Hilfe der Kategorien zur Einheit des transzendentalen Selbstbewußtseins. Damit erweisen sich die Kategorien als Bedingungen der Möglichkeit aller Objektivität.

Zwischenbilanz: Hat Kant die objektive Gültigkeit der Kategorien erwiesen?
Den Andeutungen Höffes folgend, daß Kant sich bemüht habe, die Kategorien in ihrer objektiven Gültigkeit zu begründen, sie sogar im Zusammenhang habe in den Hintergrund treten lassen, möchte ich hinzusetzen, daß der Kantische 'Beweis' am Ende nicht überzeugt, da Kant folgende Reihe von Fragen unbeantwortet läßt: Wieso ist der Verstand so, wie er angeblich nach Kant ist bzw. warum hat er Kategorien? Noch wichtiger wäre in meinen Augen die Beantwortung der Frage, warum ausschließlich durch die von Kant unterstellten Kategorien die Einheit der transzendentalen Apperzeption zustande gebracht werden soll? Und schließlich bleibt - noch aus der Transzendentalen Ästhetik - auch hier wieder fraglich, warum Raum und Zeit die einzigen Formen der Anschauung bilden können? Kant setzt diese Fragezeichen selbst, am Schluß des ersten Beweisschrittes der transz. Deduktion:
"Von der Eigentümlichkeit unseres Verstandes aber, nur vermittels der Kategorien und nur gerade durch diese Art und Zahl derselben Einheit der Apperzeption a priori zu Stande zu bringen, läßt sich so wenig ferner ein Grund angeben, als warum wir gerade diese und keine andere Funktionen zu Urteilen haben, oder warum Zeit und Raum die einzigen Formen unserer möglichen Anschauung sind." (B 146)

Die Anwendung der Kategorien auf die Gegenstände der Erfahrung
Der Nachweis der objektiven Gültigkeit der Kategorien ist zwar abgeschlossen, und damit eigentlich das Beweisziel der transzendentalen Deduktion bereits erreicht, aber Kant schließt die Erörterung hiermit noch nicht ab. Bringt der zweite Teil nichts Neues? Höffe meint, daß dieser sehr wohl Neues bringt, worin dieses aber bestehe, unterschiedlich beurteilt würde. Nach Höffe kann der zweite Beweisschritt nur zeigen, daß sich die Kategorien zu nichts anderem als zum Aufbau der objektiven Wirklichkeit verwenden lassen. Während im ersten Teil die Reichweite festgelegt wird, legt der zweite Teil die Grenzen der Kategorien dar. Der zweite Schritt beweist, daß die kategoriale Erkenntnis über den Bereich möglicher Erfahrung nicht hinausreicht; jenseits der Gegenstände möglicher Erfahrung gibt es keinen Gebrauch der Kategorien.
In Höffes Formulierung deutet sich bereits an, was ich formelhaft als das eigentlich Neue in diesem Teil bezeichnen möchte: der Verstand wird nicht nur durch eine Spontaneität der Erkenntnis erklärt, durch das Vermögen zu denken, als Vermögen der Begriffe oder der Urteile, sondern "Jetzt", so sagt Kant fast am Schluß des zweiten Teils, "können wir ihn als das Vermögen der Regeln charakterisieren". (A 126) Kant fährt fort, "Dieses Kennzeichen ist fruchtbarer und tritt dem Wesen desselben näher. Sinnlichkeit gibt uns Formen (der Anschauung), der Verstand aber Regeln." Allerdings will Kant dies nicht so verstanden wissen, daß der Verstand durch Vergleichung der Erscheinungen sich Regeln macht, sondern - der Form nach - ist der Verstand selbst der Gesetzgeber der Natur, da ohne ihn die Erscheinungen zu keiner Einheit gebracht würden. Die Betonung des Regelhaften allerdings wohl nur dann möglich, wenn man die erste Fassung der KrV in diesem zweiten Schritt berücksichtigt, was Höffe nicht tut. Er folgt, wie gesagt, allein der zweiten Fassung. In der ersten Fassung erörtert Kant eingehend eine dreifache Synthesis, die notwendig in allen Erkenntnissen vorkomme: 1) die Apprehension der Vorstellungen (Apprehension= Zusammensetzung des Mannigfaltigen in einer empirischen Anschauung, wodurch Wahrnehmung möglich wird), 2) die Modifikation des Gemüts in der Anschauung und 3) die Reproduktion in der Einbildung und die Rekognition im Begriff. Auf die dreifache Synthesis werde ich hier nicht weiter eingehen, empfehle sie aber zur Lektüre, da Kant einerseits nicht mit anschaulichen Beispielen spart, und andererseits die Betonung des aktiven Charakters und der Regelhaftigkeit der Erkenntnisgewinnung hier insgesamt sehr ausgeprägt anzutreffen ist.

Kant geht den zweiten Beweisschritt in der zweiten Fassung in Auseinandersetzung mit drei möglichen Einwänden (diese kommen in der ersten Fassung der KrV nicht vor).

Der erste Einwand kommt von der reinen Mathematik. Sie ist eine apriorische Wissenschaft, aber keine Erfahrungserkenntnis, also genau das, was Kant bestreiten will: ein kategorial verfaßtes Wissen von einem Gegenstand jenseits aller möglichen Erfahrung. Den einen Punkt gibt Kant zu: auch in der Mathematik werden Kategorien verwendet; die Geometrie wird nicht schon durch die reine Anschauung des Raumes, sondern erst durch die Verbindung einer Vielfalt geometrischer Begriffe mittels Kategorien möglich. Da die Mathematik aber bloß die Form, nicht auch die Materie der Anschauung untersucht, gewinnen wir durch sie "Erkenntnisse a priori von Gegenständen...nur ihrer Form nach" (B 147). Die Mathematik für sich bedeutet bloß ein formales Wissen. Kant will hier nicht die Mathematik herabwürdigen, sondern nur feststellen, daß sie allein nichts über die Wirklichkeit aussagt. Kurz, die Mathematik liefert die Form empirischer Erkenntnisse; folglich ist die empirische Erkenntnis auf die Mathematik angewiesen, und die Kategorien haben auch im Fall der Mathematik keinen anderen Erkenntniswert als für Gegenstände möglicher Erfahrung.

Der zweite Einwand beruft sich darauf, daß man auch das Objekt einer nichtsinnlichen Anschauung annahmen und darüber all die Aussagen machen könne, die schon in der Voraussetzung liegen, daß dem Objekt nichts zukomme, das zur sinnlichen Anschauung gehört. Auf diese Weise sind ausschließlich negative Bestimmungen möglich: das Objekt ist nicht ausgedehnt, hat keine Dauer in der Zeit, usw. Ausschließlich negative Bestimmungen führen aber zu keiner "eigentlichen Erkenntnis" des Objekts. Zudem kann keine der Kategorien angewandt werden, da sie bloße Gedankenformen sind, die ohne das Material der sinnlichen Anschauung leer bleiben.

Nach einem dritten Einwand enthält das transzendentale Selbstbewußtsein eine Selbsterkenntnis, die als transzendentale Voraussetzung allen Denkens unabhängig von Anschauungen gültig sei. Doch auch hier bleiben die begrenzte Reichweite und der Erscheinungscharakter aller Erkenntnis bewahrt. Denn das transzendentale Selbstbewußtsein ist nur Selbstbewußtsein, daß ich bin, aber nicht Selbsterkenntnis, was ich bin; diese ist ohne Anschauung und deren kategoriale Verknüpfung nicht möglich.

Zum Abschluß der transzendentalen Deduktion zieht Kant das Fazit (§26): Erfahrung ist Erkenntnis durch verknüpfte Wahrnehmung; die Bedingungen der Möglichkeit der Verknüpfung, mithin der Erfahrung, sind die Kategorien. Ohne die Kategorien wird aus der unbestimmten Vielfalt von Sinneseindrücken keine objektive Wirklichkeit, keine Natur: kein Zusammenhang von Erscheinungen unter Gesetzen. Anders gewendet: die Kategorien schreiben "der Natur gleichsam das Gesetz vor (B 159), nicht das empirische Naturgesetz, doch bilden sie die apriorische Voraussetzung aller empirischen Naturgesetze.

Das bisherige Schema kann also nun vervollständigt werden (siehe farbige Hervorhebung):

2) Transzendentale Analytik
Metaphysische Deduktion [A]
1. Urteilstafel
2. Kategorientafel
Transzendentale Deduktion [B]
1. Ursprung aller Einheitsstiftung im transzendentalen Selbstbewußtsein
Ursprüngliche Quellen bzw. Vermögen der Seele [empirischer und transz. Gebrauch möglich, in KrV nur transz. Gebrauch untersucht, der a priori möglich ist]:
1) Sinn (darauf gründet sich: Synopsis des Mannigfaltigen a priori) siehe TRANSZ. ÄSTHETIK
2) Einbildungskraft (darauf gründet sich: Synthesis dieses Mannigfaltigen)
3) Apperzeption (ursprüngliche) (darauf gründet sich: Einheit dieser Synthesis)
2. Erkenntniswert der Kategorien ist auf Gegenstände möglicher Erfahrung beschränkt
1. Fassung KrV: 3-fache Synthesis: (1) die Apprehension der Vorstellungen, (2) die Modifikation des Gemüts in der Anschauung und 3) die Reproduktion in der Einbildung und die Rekognition im Begriff
2. Fassung KrV: 3 mögliche Einwände: (1) reine Mathematik, (2) Objekt nichtsinnlicher Anschauung (3) Selbsterkenntnis

Die Analytik der Grundsätze (Zweites Buch der transz. Analytik)
In der Analytik der Grundsätze untersucht Kant ein drittes Erkenntnisvermögen, die Urteilskraft, das Vermögen, unter Regeln (Verstandesbegriffe) zu subsumieren. Möglich wird die Subsumtionsaufgabe durch eine neue Klasse von Vorstellungen, den Schemata. Sie sind ein Produkt der Einbildungskraft und vermitteln zwischen der Sinnlichkeit und dem Verstand.
Viele Interpreten, die mit Abschluß der transzendentalen Deduktion die Leitfrage nach der Möglichkeit synthetischer Urteile a priori als beantwortet ansehen, betrachten Kants Begründung von Schemata zur Vermittlung von Anschauung und Denken als überflüssig, zudem als dunkel und verworren. Liegt eine Unstimmigkeit im Programm Kants vor? Kant selbst bezeichnet jedenfalls die Schematismuslehre als wichtig und ganz unentbehrlich (vgl. Prol., § 34). Während einige Interpreten eine Unstimmigkeit darin sehen, daß Kants Programm zwei ineinandergreifende Momente voraussetzt, die kein drittes Moment mehr brauchen, um durch ihr Zusammenwirken die Möglichkeit einer Erkenntnis a priori zu erklären, halten andere Kants Schematismuslehre, die die Aufgabe der Anwendung der Kategorien löst, für so gelungen, daß die transzendentale Deduktion der Kategorien überflüssig wird.

Das dritte, von einigen Kritikern unterschätzte Erkenntnisvermögen, nämlich die Urteilskraft, ist wesentlich, um den 'richtigen' Gebrauch des Verstandes zu gewährleisten. Die Urteilskraft ist nach Kant ein besonderes Talent, das geübt sein will. Zur Übung dieses Talents eignen sich die Beispiele, deren eigentlicher Nutzen Kant zufolge darin besteht, die Urteilskraft zu schärfen. Wem bisher nicht klar ist, worum es sich mit der Urteilskraft handelt, dem wird spätestens bei folgender Anmerkung Kants ein Licht aufgehen: "Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen. Ein stumpfer oder eingeschränkter Kopf, dem es an nichts, als an gehörigem Grade des Verstandes und eigenen Begriffen desselben mangelt, ist durch Erlernung sehr wohl, so gar bis zur Gelehrsamkeit, auszurüsten. Da es aber gemeiniglich aldenn auch an jedem (der secunda Petri) zu fehlen pflegt, so ist es nichts Ungewöhnliches sehr gelehrte Männer anzutreffen, die, im Gebrauche ihrer Wissenschaft, jenen nie zu bessernden Mangel häufig blicken lassen." (B 173) Ins Positive gewandt, formuliert Kant die Aufgabe wie folgt: "Ob nun gleich die allgemeine Logik der Urteilskraft keine Vorschriften geben kann, so ist es doch mit der transzendentalen ganz anders bewandt, so gar daß es scheint, die letztere habe es zu ihrem eigentlichen Geschäfte, die Urteilskraft, im Gebrauch des reinen Verstandes, durch bestimmte Regeln zu berichtigen und zu sichern."
Kant legt abschließend das weitere Vorgehen fest. Er unterteilt die Analytik der Grundsätze (bzw. die 'transzendentale Doktrin der Urteilskraft') in zwei Hauptstücke: "das erste, welches von der sinnlichen Bedingung handelt, unter welcher reine Verstandesbegriffe allein gebraucht werden können, d. i. von dem Schematismus des reinen Verstandes; das zweite aber von denen synthetischen Urteilen, welche aus reinen Verstandesbegriffen unter diesen Bedingungen a priori herfließen, und allen übrigen Erkenntnissen a priori zum Grunde liegen, d. i. von den Grundsätzen des reinen Verstandes." (B 175)

Von dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe
Das Verhältnis von Material und Form spielt in Kants Schematismuslehre meines Erachtens, und auch nach Meinung Otfried Höffes, eine wesentliche Rolle. Im Vordergrund steht die Frage der Anwendung des Begriffs auf das sinnlich Gegebene: "Nun sind aber reine Verstandesbegriffe, in Vergleichung mit empirischen (ja überhaupt sinnlichen) Anschauungen, ganz ungleichartig, und können niemals in irgend einer Anschauung getroffen werden. Wie ist nun die Subsumption der letzteren unter die erste, mithin die Anwendung der Kategorie auf die Erscheinungen möglich, da doch niemand sagen wird: diese, z. B. die Kausalität, könne auch durch Sinne angeschauet werden und sei in der Erscheinung enthalten?" (KrV B 176, 177 A 137, 138) Gefordert ist eine vermittelnde dritte Instanz, die sowohl den Kategorien, als auch den Erscheinungen gleichartig sein muß. Für die gemeinte Gleichartigkeit gibt Kant ein Beispiel: "So hat der empirische Begriff eines Tellers mit dem reinen geometrischen eines Zirkels Gleichartigkeit, indem die Rundung, die in dem ersteren gedacht wird, sich im letzteren anschauen läßt." (KrV B 176 A 137)
Dieses Beispiel betreffend weist Höffe darauf hin, daß die Rede von Subsumption und Anwendung zu Mißverständnissen geführt habe, "[...] weil sie die Interpreten, beispielsweise Prichard und Warnock, dazu verleitet, das Verhältnis von Anschauung und Begriff als das vom Besonderen zum Allgemeinen oder von einer Untermenge zur Obermenge aufzufassen. In Wahrheit handele es sich um das Verhältnis eines unbestimmten Materials zu seiner bestimmenden Form. So ist in Kants Beispiel [...] der Teller keine Untermenge von Kreisen (Zirkeln), vielmehr ein Material, etwa Porzellan, Keramik oder Zinn, das nach Maßgabe des Kreises geformt, also rund gestaltet wird."
Die richtige Verbindung von Form (Begriff) und Material (Anschauungsmaterial) wird bei Kant durch die Urteilskraft hergestellt, die - um es noch einmal zu wiederholen - als besonderes Talent, welches immer wieder geübt sein will, ein von Sinnlichkeit und Verstand unterschiedenes Vermögen ist: "Wenn der Verstand überhaupt als das Vermögen der Regeln erklärt wird, so ist die Urteilskraft das Vermögen, unter Regeln zu subsumieren, d. i. zu unterscheiden, ob etwas unter einer gegebenen Regel [...] stehe, oder nicht." (KrV B 171 A 132) Die Urteilskraft braucht nach Kant zur richtigen Verbindung eine Vorstellung, die einerseits intellektuell, andererseits sinnlich ist. Eine solche Vorstellung heißt "transzendentales Schema". Die transzendentalen Schemata werden näher bestimmt als transzendentale Zeitbestimmungen: "Die Zeit, als die formale Bedingung des Mannigfaltigen des inneren Sinnes, mithin der Verknüpfung aller Vorstellungen, enthält ein Mannigfaltiges a priori der reinen Anschauung. Nun ist eine transzendentale Zeitbestimmung mit der Kategorie (die die Einheit derselben ausmacht) so fern gleichartig, als sie allgemein ist und auf einer Regel a priori beruht. Sie ist aber andererseits mit der Erscheinung so fern gleichartig, als die Zeit in jeder empirischen Vorstellung des Mannigfaltigen enthalten ist." (KrV B 177, 178 A 138, 139) Da der Raum nur formale Bedingung aller Erscheinungen der äußeren Sinne ist, hingegen die Zeit als Form des inneren Sinns die Bedingung aller Erscheinungen überhaupt ist, kommt nur die Zeit als transzendentales Schema in Frage.
Das Schema sei nach Kant dabei nicht mit dem Bild gleichzusetzen, sondern es sei das Verfahren, einem Begriff sein Bild zu verschaffen. Der Begriff des Hundes z. B. gibt nur die Regel, nach welcher die Einbildungskraft die Gestalt eines vierfüßigen Tieres allgemein verzeichnen kann, ohne auf ein konkretes Individuum festgelegt zu sein, das die Erfahrung oder Vorstellung darbieten kann. Ein weiteres Beispiel Kants ist das der Zahl, die überhaupt gedacht mehr die Vorstellung einer Methode sei, einem Begriffe gemäß eine Menge in einem Bilde vorzustellen, sowie das Beispiel des Triangels, dem kein Bild je adäquat sein könne (Vgl. KrV B 180 A 141) Für die reinen Verstandesbegriffe, die niemals in ein Bild zu bringen seien, stellt er ein der Einteilung der Kategorien entsprechendes Schema nach vier Gesichtspunkten auf, in Bezug auf die Quantität die Zeitreihe, für die Qualität den Zeitinhalt, für die Relation die Zeitordnung und für die Modalität den Zeitinbegriff.

Folgen wir an dieser Stelle noch einmal der Darstellung Höffes zur Schematismuslehre: Höffe faßt zusammen, daß während die metaphysische Deduktion zeige, daß es reine Verstandesbegriffe, die Kategorien gebe, zeige die transzendentale Deduktion, daß ohne sie keine Erfahrung möglich sei. Die Schematismuslehre zeige drittens, wie die Kategorien nun fallgerecht angewendet werden.
Die transzendentalen Schemata sind reine anschauliche Begriffe bzw. reine begriffliche Anschauungen. Kant, um es noch einmal zu wiederholen, bestimmt sie näherhin als transzendentale Zeitbestimmungen. Seine Begründung ist dreistufig: 1. ist die Kategorie eine reine synthetische Einheit des Mannigfaltigen, 2. wird die Einheit vom inneren, nicht äußeren Sinn geleistet, 3. liegt die Anschauungsform des Mannigfaltigen des inneren Sinns in der Zeit. Deshalb ist es die Zeit, die als reine Anschauung vor aller Erfahrung einen Anblick verschafft, und die transzendentalen Schemata bestehen in transzendentalen Zeitbestimmungen und nicht auch in transzendentalen Raumbestimmungen. Insofern die transzendentalen Zeitbestimmungen auf einer Regel a priori beruhen, sind sie mit der entsprechenden Kategorie gleichartig, insofern sie Bestimmungen der Zeitlichkeit sind, kommen sie mit der reinen Anschauung überein und können die erforderliche Vermittlung von Anschauung und reinem Begriff leisten.

Höffe fährt fort: Daß Kants transzendentaler Schematismus kein überflüssiges barockes Anhängsel zu seiner Vernunftkritik ist, sondern aus der Sache selbst geschöpft wird, zeigt eine kurze Erläuterung der Schemata der Substanz und Kausalität: Damit man bei empirischen Vorgängen, etwa dem Naßwerden einer Straße, sagen kann, daß es die Straße ist, die die Zustandsveränderung durchmacht, muß man im trockenen wie im nassen Zustand ein und dasselbe Subjekt, eben die Straße, als das Zugrundeliegende (Subsistenz, Substanz) wiedererkennen, das einen Wechsel des 'Anhängenden' (Inhärenz, Akzidenz) durchmacht und erst trocken, dann naß ist. Das Wiedererkennen setzt voraus, daß das Subjekt, die Straße, Dauer in der Zeit hat. Deshalb muß das Schema der Substanz die Vorstellung eines Zugrundeliegenden für ein 'Anhängendes' sein, sofern das Zugrundeliegen sich im reinen Bild der Zeit darstellt; das ist der Anblick des Bleibens (der Substanz), der zugleich das Bild des Wechsels im Bleiben, der Akzidenzien, abgibt. Die Beharrlichkeit des Realen in der Zeit trotz wechselnder Akzidenzien ist aber genau das Schema der Substanz (B 183).
Um die Kategorie der Kausalität auf eine Anschauungsvielfalt anwenden zu können, muß man von Ereignissen in der Zeit nicht bloß behaupten, daß sie sich nacheinander abspielen: das Naßwerden der Straße folgt auf das Regnen. Denn die bloße Abfolge begründet, wie Hume zeigt und Kant anerkennt, noch keinen Ursache-Wirkungszusammenhang. Man muß zusätzlich behaupten, daß die Abfolge nicht im subjektiven Empfinden, sondern in der Sache selbst gründet, weil sie nach einer Regel geschieht (etwa: Wasser macht Trockenes naß). Daher heißt das Schema der Kausalität in Übereinstimmung mit Kant: die einer Regel unterworfene Folge von Erscheinungen.

Ein grundlegender Einwand bleibt freilich bestehen, denn selbst Kant vermag nicht zu sagen, wie es mit dem Schematismus unseres Verstandes im einzelnen überhaupt vor sich gehe bzw. er kann seinen Ursprung nicht erklären. Kant nämlich sagt, daß der Schematismus unseres Verstandes eine verborgene Kunst in den Tiefen der Seele sei, deren wahre Handgriffe wir der Natur schwerlich jemals abraten.

Schematische Darstellung (transzendentales Schema) nach (B 178):

Kategorie / Erscheinung
-Es muß ein Drittes, eine vermittelnde Vorstellung her, die die Anwendung der Kategorie auf die Erscheinung ermöglicht. Schwierigkeit: diese vermittelnde Vorstellung muß rein (ohne alles Empirische) und doch einerseits intellektuell, andererseits sinnlich sein:
= transzendentales Schema

Die Anwendung der Kategorie auf die Erscheinung wird möglich vermittels der transzendentalen Zeitbestimmung, welche, als das Schema der Verstandesbegriffe, die Subsumption der letzteren unter die erstere vermittelt.
Die Transzendentale Zeitbestimmung ist sowohl mit der Kategorie als auch mit der Erscheinung gleichartig:
Kategorie: beruht auf Regel a priori (transzendentale Zeitbestimmung beruht auf Regel a priori)
Erscheinung: Zeit in jeder emp. Vorstellung des Mannigfaltigen enthalten (transzendentale Zeitbestimmung: Zeit in jeder emp. Vorstellung des Mannigfaltigen enthalten)

Darstellung der transz. Schematen reiner Verstandesbegriffe nach Ordnung der Kategorien u. mit diesen verknüpft (B 182)
Das reine Bild aller Größen (quantorum)
vor dem äußeren Sinn: Raum; aller Gegenstände der Sinne überhaupt: Zeit
Das reine Schema der Größe (quantitatis)
als eines Begriffes des Verstandes: Zahl (Addition von Gleichartigem) (Zahl: Einheit der Synthesis des Mannigfaltigen einer gleichartigen Anschauung überhaupt, dadurch, daß ich Zeit selbst in Apprehension der Anschauung erzeuge)
Realität: ist im reinen Verstandesbegriff das, was einer Empfindung überhaupt korrespondiert; dasjenige also, dessen Begriff an sich selbst ein Sein (in der Zeit) anzeigt (Schema einer Realität: Quantität von etwas, so fern es die Zeit erfüllt, in kontinuierlicher u. gleichförmiger Erzeugung derselben in der Zeit - die transzendentale Materie aller Gegenstände, als Dinge an sich (die Sachheit, Realität)
Negation: dessen Begriff ein Nichtsein (in der Zeit) vorstellt (von der Realität gradweise bis zur negatio = 0)
Schema der Substanz: Beharrlichkeit des Realen in der Zeit
Schema der Ursache und Kausalität eines Dinges überhaupt ist das Reale, worauf, wenn es mit Belieben gesetzt wird, jederzeit etwas anderes folgt. Es besteht also in der Sukzession des Mannigfaltigen, in so fern sie einer Regel unterworfen ist
Schema der Gemeinschaft (Wechselwirkung) oder der wechselseitigen Kausalität der Substanzen in Ansehung ihrer Akzidenzen, ist das Zugleichsein der Bestimmungen der einen mit denen der anderen, nach einer allgemeinen Regel
Schema der Möglichkeit ist die Zusammenstimmung der Synthesis versch. Vorstellungen mit den Bedingungen der Zeit überhaupt (z.B. da das Entgegengesetzte in einem Ding nicht zugleich, sondern nur nacheinander sein kann), also die Vorstellung eines Dinges zu irgend einer Zeit
Das Schema der Wirklichkeit ist das Dasein in einer bestimmten Zeit
Das Schema der Notwendigkeit ist das Dasein eines Gegenstandes zu aller Zeit

Schemata: Zeitbestimmungen a priori nach Regeln:
(Zeitreihe) Größe: Erzeugung (Synthesis) der Zeit selbst, in sukzessiver Apprehension eines Gegenstandes
(Zeitinhalt) Qualität: Synthesis der Empfindung (Wahrnehmung) mit der Vorstellung der Zeit, oder die Erfüllung der Zeit
(Zeitordnung) Relation: Das Verhältnis der Wahrnehmungen untereinander zu aller Zeit (d. i. nach einer Regel der Zeitbestimmung)
(Zeitinbegriff) Modalität: Zeit selbst, als das Correlatum der Bestimmung eines Gegenstandes, ob und wie er zur Zeit gehöre

An die Schematismuslehre schließt sich das "System aller Grundsätze des reinen Verstandes" an. Die Grundsätze (Zur "Tafel der Grundsätze" vgl. KrV B 200 A 161) a priori haben eine fundamentale Bedeutung, da sie die letzten Sätze sind, die als die allgemeinsten nicht wiederum aus anderen Sätzen abgeleitet werden können. (Vgl. KrV B 188 A 148)
Ebenso wie die Kategorien teilt Kant die Grundsätze nach vier Gesichtspunkten ein. Die "Axiome der Anschauung" und die "Antizipationen der Wahrnehmung" bilden dabei die mathematischen Grundsätze, die "Analogien der Erfahrung" und die "Postulate des empirischen Denkens" die dynamischen Grundsätze.
Mit den Grundsätzen schließlich stellt sich Kant die Aufgabe, diejenigen Urteile, die der Verstand unter dieser kritischen Vorsicht - mit 'dieser' meint er da bis dato Dargestellte - wirklich a priori zustande bringt, darzustellen. Ich werde diesem Vorhaben nicht im einzelnen folgen, möchte jedoch an dieser Stelle darauf hinweisen, daß es Kant auch hier letztendgültig um die Erfahrungserkenntnis geht, weshalb er auch eingangs auseinandersetzt, daß der Widerspruchssatz beispielsweise zwar bei analytischen Urteilen von Bedeutung ist, sozusagen als conditio sine qua non, daß es ihm hier aber um den synthetischen Teil der Erkenntnis geht, der Aufschluß über Wahrheit gibt. So kommt er im Verlauf zu dem wichtigen Ergebnis, daß "die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung überhaupt zugleich die Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung sind", und erweist somit die objektive Gültigkeit der synthetischen Urteile a priori.

Tafel der Grundsätze (Regeln des objektiven Gebrauchs der Kategorien)
1. Axiome der Anschauung / 2. Antizipationen der Wahrnehmung:
mathematische Grundsätze (gehen auf Anschauung) (apodiktisch, a priori notwendig) (intuitiv)
3. Analogien der Erfahrung / 4. Postulate des empirischen Denkens überhaupt:
dynamische Grundsätze (gehen auf Dasein einer Erscheinung überhaupt) (an sich nur zufällig, nur indirekt) (diskursiv)

Gesamtübersicht (schematische Zusammenfassung):

1) Transzendentale Ästhetik
Sinne, Anschauung a priori

2) Transzendentale Analytik
Begriffe, Kategorien a priori

Inhalte von 1) + 2) = ermöglichen Erfahrung im strengen Sinn

2) (s. o.) Transzendentale Analytik, Struktur:

Metaphysische Deduktion [A]
1. Urteilstafel
2. Kategorientafel

Transzendentale Deduktion [B]

1. Ursprung aller Einheitsstiftung im transzendentalen Selbstbewußtsein
Ursprüngliche Quellen bzw. Vermögen der Seele (empirischer und transz. Gebrauch möglich, in KrV nur transz. Gebrauch untersucht, der a priori möglich ist):
1) Sinn (darauf gründet sich: Synopsis des Mannigfaltigen a priori) siehe TRANSZ. ÄSTHETIK
2) Einbildungskraft (darauf gründet sich: Synthesis dieses Mannigfaltigen)
3) Apperzeption (ursprüngliche) (darauf gründet sich: Einheit dieser Synthesis)

2. Erkenntniswert der Kategorien ist auf Gegenstände möglicher Erfahrung beschränkt
1. Fassung KrV: 3-fache Synthesis: (1) die Apprehension der Vorstellungen, (2) die Modifikation des Gemüts in der Anschauung und 3) die Reproduktion in der Einbildung und die Rekognition im Begriff
2. Fassung KrV: 3 mögliche Einwände: (1) reine Mathematik, (2) Objekt nichtsinnlicher Anschauung (3) Selbsterkenntnis

Analytik der Grundsätze [C]

1. Schematismus des reinen Verstandes
a) Urteilskraft
b) transzendentale Zeitbestimmung als Schema,
Vermittlung zw. Kategorie und Erscheinung
c) Ordnung der Schemata nach Kategorien

2. Grundsätze des reinen Verstandes (Schema siehe unten, Tafel der Grundsätze)
(1.) Axiome der Anschauung
(2.) Antizipationen der Wahrnehmung
(3.) Analogien der Erfahrung
(4.) Postulate des empirischen Denkens

Tafel der Grundsätze (Regeln des objektiven Gebrauchs der Kategorien)
1. Axiome der Anschauung / 2. Antizipationen der Wahrnehmung:
mathematische Grundsätze (gehen auf Anschauung) (apodiktisch, a priori notwendig) (intuitiv)
3. Analogien der Erfahrung / 4. Postulate des empirischen Denkens überhaupt:
dynamische Grundsätze (gehen auf Dasein einer Erscheinung überhaupt) (an sich nur zufällig, nur indirekt) (diskursiv)

Anhang

Lexikonauszüge und Kritik bekannter Philosophen zu den Kategorien, den Urteilen und dem Schematismus

Hegel
Über die Schematismuslehre:
Der Übergang aber der Kategorie zum Empirischen wird auf folgende Weise gemacht. "Reine Verstandesbegriffe sind mit empirischen (ja überhaupt sinnlichen) Anschauungen ganz ungleichartig." Es ist also "die Möglichkeit zu zeigen, wie reine Verstandesbegriffe auf Erscheinungen angewendet werden können". Davon handelt die transzendentale Urteilskraft. Im Gemüte, Selbstbewußtsein sind also reine Verstandesbegriffe und reine Anschauungen; die Beziehung beider aufeinander ist der Schematismus des reinen Verstands, die transzendentale Einbildungskraft, welche die reine Anschauung, der Kategorie, dem reinen Verstandesbegriffe gemäß, bestimmt, so den Übergang zur Erfahrung macht. - Diese Verbindung ist wieder eine der schönsten Seiten der Kantischen Philosophie, wodurch reine Sinnlichkeit und der reine Verstand, die als absolut entgegengesetzte Verschiedene vorhin ausgesagt wurden, vereinigt werden. Es ist ein anschauender, intuitiver Verstand, oder verständiges Anschauen; aber so nimmt und begreift es Kant nicht, er bringt diese Gedanken nicht zusammen, daß er hier beide Erkenntnisstücke in Eins gesetzt hat, - das Ansich derselben.
[Hegel: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, S. 2166. Digitale Bibliothek Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 2170f. (vgl. Hegel-W Bd. 20, S. 347-348)]
Kritik:
Nach Kant sind nun in der Erfahrung zwei Bestandstücke: einerseits das Empirische, die Wahrnehmung; andererseits das zweite Moment, die Kategorie, Ursache und Wirkung, Substanz und Akzidenz, Gattung, Allgemeines. Es ist dies eine ganz richtige Analyse; in der Erfahrung finden wir diese beiden Bestimmungen. Kant knüpft aber daran, daß die Erfahrung nur Erscheinungen faßt und daß wir durch die Erkenntnis, die wir durch Erfahrung haben, nicht die Dinge erkennen, wie
sie an sich sind. Denn ihre zwei Bestandstücke sind: 1. Empfindung, welche ohnehin subjektiv ist; 2. Kategorien, welche nur Bestimmungen unseres Verstandes sind. Aber der reale Inhalt, Stoff sind die Empfindungen, das andere Bestandstück der Erkenntnis; weder das eine noch das andere ist etwas an sich, und beide zusammen, das Erkennen, auch nicht, sondern es erkennt nur Erscheinungen, - ein sonderbarer Widerspruch. Erkennen ist in der Tat ihre Einheit; aber bei der Erkenntnis hat Kant immer das erkennende Subjekt als einzelnes im Sinne. Das Erkennen selbst ist die Wahrheit beider Momente; das Erkannte ist nur die Erscheinung, Erkennen fällt wieder in das Subjekt. Dies Erkennen des Subjekts enthält also nur Erscheinungen, nicht das Ansich. Denn es enthält die Dinge nur in der Form der Gesetze des Anschauens und der Sinnlichkeit.
In der Tat ist in dem, was wir gesehen, nur das empirische, endliche Selbstbewußtsein beschrieben, das eines Stoffes von außen nötig hat oder das ein einzelnes, beschränktes ist. Es wird nicht gefragt, ob diese Erkenntnisse an und für sich ihrem Inhalte nach wahr oder nicht wahr sind. Die ganze Erkenntnis bleibt innerhalb der Subjektivität stehen, und drüben ist als Äußeres das Ding an sich. Dieses Subjektive ist jedoch konkret in sich, Denken, Verstand, der bestimmt ist (Kategorien). Schon die Kategorien sind konkret, noch mehr aber die Erfahrung, die Synthesis des Empfundenen mit der Kategorie. Das Allgemeine und Notwendige heißt bei Kant das Objektive; durch Allgemeinheit und Notwendigkeit ist die Erfahrung objektiv. Das Wahrgenommene ist nicht objektiv; die Wahrnehmung in der Erfahrung nennt Kant das Subjektive, Zufällige. Die Kategorie dagegen, wodurch der Stoff in Beziehung gesetzt wird, die Einheit, die das Denken hineinbringt, ist das Objektive in derselben, das Gesetz, das Allgemeine. Auf der andern Seite ist dieser Stoff des Gebiets der Anschauung subjektiv überhaupt; d.h. er ist nur so, wie er in meiner Empfindung ist: ich weiß nur von der Empfindung, nicht von der Sache. Dies ist ohnehin subjektiv. Aber das Objektive, was den Gegensatz machen soll, ist selbst ebenso subjektiv, gehört zwar nicht meinem Gefühl an, aber bleibt im Kreise des Subjekts, in dem reinen Ich meines Selbstbewußtseins, dem Gebiet des denkenden Verstandes, eingeschlossen. Ich habe einerseits Gefühlsinhalt, andererseits bin ich tätig dagegen, lasse ihn nicht in seiner zufälligen Bestimmung, mache ihn allgemein. Aber dies ist auch subjektiv, und so erkennen wir die Sache nicht an ihr selbst. Einerseits sind Gefühlsbestimmungen, die mit unseren Organen zusammenhängen, andererseits Denkbestimmungen, die in meinem Ich liegen; so sind es nur Erscheinungen, die wir erkennen und bestimmen. Insofern nannte sich die Kantische Philosophie Idealismus: wir haben es nur mit unseren Bestimmungen zu tun, kommen nicht zum Ansich; zum wahrhaft Objektiven kommen wir nicht.
[Hegel: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, S. 2171. Digitale Bibliothek Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 2173ff. (vgl. Hegel-W Bd. 20, S. 350-351)]

Schelling
Kritik
Wenn jener intelligible Grund, den Kant das Ding an sich nennt, eigentlich die bloße Materie, den Stoff zu unsern Vorstellungen hergibt, welcher dann erst in der transzendentalen Synthesis der Apperzeption, wie Kant diese Operation nennt, auf jeden Fall also erst in dem Subjekt jenes Gepräge des Verstandes annimmt, welches wir in ihm voraussetzen müssen, wenn er Gegenstand eines objektiven Urteils sein soll, so fragt es sich, 1. wie jener intelligible Grund an das Subjekt komme, auf dasselbe wirke, 2. wie sich dieser Stoff so willig der Verstandesform füge, 3. woher dem Subjekt diese Gewalt über den Stoff komme. Diese Fragen sind in der Kantschen Kritik nicht beantwortet, ja nicht einmal aufgeworfen. Zwei Forderungen werden an die Philosophie gemacht: erstens, die Genesis der Natur zu erklären, sei es nun, daß man diese als etwas objektiv, auch außer unsern Vorstellungen, so wie wir sie vorstellen, Seiendes, oder daß man sie idealistisch als bloß in unserer Vorstellung so existierend annehme. Hier muß nämlich wenigstens gezeigt werden, durch welchen - und zwar notwendigen - Prozeß unseres Innern wir genötigt sind, eine solche Welt mit diesen Bestimmungen und mit solchen Abstufungen uns vorzustellen. Kant hat diese Forderung umgangen. Die zweite Forderung, welche an die Philosophie gemacht wird, ist, jene eigentlich metaphysische Welt, die übersinnliche Region, wohin Gott, Seele, Freiheit, Unsterblichkeit gehören, uns aufzuschließen.
[Schelling: Zur Geschichte der neueren Philosophie, S. 132. Digitale Bibliothek Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 2475f. (vgl. Schelling-Gesch., S. 105-106)]

Windelband
Über transzendentales Selbstbewußtsein
In der empirischen Erkenntnis benutzen wir diesen Schematismus, um das wahrgenommene Zeitverhältnis durch die entsprechende Kategorie zu deuten, z.B. die regelmäßige Sukzession als Kausalität aufzufassen: die Transzendentalphilosophie hat umgekehrt die Berechtigung dieses Verfahrens darin zu suchen, daß die Kategorie als Verstandesregel das entsprechende Zeitverhältnis als Gegenstand der Erfahrung objektiv begründet.
In der Tat findet nun das individuelle Bewußtsein in sich den Gegensatz einer Vorstellungsbewegung (etwa der Phantasie), für welche es keine über seinen eigenen Bereich hinausgehende Geltung beansprucht, und anderseits einer Tätigkeit des Erfahrens, bei der es sich in einer für alle andern ebenso geltenden Weise gebunden weiß. Nur in dieser Abhängigkeit besteht die Beziehung des Denkens auf einen Gegenstand. Wurde nun aber erkannt, daß die gegenständliche Geltung des Zeit- (und Raum-)verhältnisses allein in seiner Bestimmung durch eine Verstandesregel begründet sein kann, so ist es dagegen eine Tatsache, daß von dieser Mitwirkung der Kategorien in der Erfahrung das Bewußtsein des Individuums nichts weiß, daß es vielmehr nur das Ergebnis dieser Funktion als die gegenständliche Notwendigkeit seiner Auffassung der räumlichen und zeitlichen Synthesis der Empfindungen übernimmt. Die Erzeugung des Gegenstandes geht also nicht etwa in dem individuellen Bewußtsein von statten, sondern liegt diesem bereits zu Grunde: alle Gegenständlichkeit, die der Einzelne erfährt, wurzelt in einem übergreifenden Zusammenhange, der, durch die reinen Formen des Anschauens und des Denkens bestimmt, jedes Erlebnis in eine Fülle inhaltlicher Beziehungen einstellt. Diese überindividuelle Sachlichkeit des Vorstellungslebens bezeichnete Kant in den Prolegomena als "das Bewußtsein überhaupt", in der Kritik als transszendentale Apperzeption oder als Ich. Doch ist es unbedingt erforderlich, diese überindividuelle Instanz des "Bewußtseins überhaupt" in dem ursprünglichen Sinne Kants weder psychologisch noch metaphysisch zu deuten: diese logische Gegenständlichkeit darf weder nach Analogie eines empirischen "Subjekts" noch als eine ding-an-sich-hafte Intelligenz gedacht werden. Denn es handelt sich für Kants Kritik immer nur um "das was in der Erfahrung liegt".
[Windelband: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, S. 1155. Digitale Bibliothek Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 6515f. (vgl. Windelband-Gesch., S. 457)]

Karl Vorländer
Transzendentales Schema:
Das Schema muß daher einerseits der Kategorie gleichartig, folglich "intellektuell", anderseits aber auch der Erscheinung gleichartig, also sinnlich sein, weshalb es auch durch die Einbildungskraft hervorgebracht wird, wie z.B. der allgemeine Begriff einer mathematischen Figur, einer Zahl, eines Hundes. Es bedeutet im Grunde eigentlich nichts anderes als den einfachen Satz; das Erkennen muß anschaulich sein, wenn es über das bloße Denken hinauskommen will. Die Kategorien waren nur "Begriffe von Gegenständen überhaupt", während wir doch Gegenstände im besonderen, bestimmte Erfahrungs'dinge' erkennen wollen. Die beiden uns jetzt bekannten Arten von Formen - die der Sinnlichkeit (Raum und Zeit) und die des Verstandes (die Kategorien) - sind miteinander zu verbinden, wenn Erkenntnis erzeugt werden soll.
[Vorländer: Geschichte der Philosophie, S. 1041. Digitale Bibliothek Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 8041 (vgl. Vorländer-Gesch. Bd. 2, S. 200-201)]
Die einzelnen Schemata (Zeit...):
Im Grunde also sind die Schemata nichts als apriorische Zeitbestimmungen, die nacheinander auf die Reihen, den Inhalt, die Ordnung und den Inbegriff der Zeit gehen. Sie verwirklichen die Kategorien bezw. deren Form, den Verstand, indem sie sie zugleich auf die sinnlichen Bedingungen der Erfahrung einschränken (restringieren).
[Vorländer: Geschichte der Philosophie, S. 1042. Digitale Bibliothek Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 8042 (vgl. Vorländer-Gesch. Bd. 2, S. 201)]

Johannes Hirschberger
Zur metaphysischen Deduktion:
Obwohl sich Kant geschmeichelt hatte, mit seine Kategorien "die Funktionen des Verstandes völlig erschöpft und sein Vermögen dadurch gänzlich ausgemessen zu haben" (B 105), wurde die metaphysische Deduktion der Kategorien schon früh, bereits zu seinen eigenen Zeiten, besonders aber seit Bolzano und Schopenhauer, angefochten. Die Kategoriensysteme Fichtes, Schellings und Hegels wichen erheblich von dem Kants ab. Nicht einmal in den neukantianischen Systemen treten die 12 Kategorien mehr unverändert auf. Besonders ist die heutige Ontologie weit darüber hinausgewachsen, so vor allem, wenn sie sich auch um Kategorien des Lebendigen bemüht, die bei Kant gänzlich fehlen. Das Grundübel liegt aber schon in seiner Tafel der Urteile. Hier haben die Logiker nach Kant an ihm eine einschneidende Kritik geübt und dadurch seiner Ableitung der Kategorien im einzelnen den Boden entzogen (vgl. die Übersicht bei M. Aebi, Kants Begründung der Deutschen Philosophie. S. 156ff.).
[Hirschberger: Geschichte der Philosophie. Band II, S. 526. Digitale Bibliothek Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 10256f. (vgl. Hirschberger-Gesch. Bd. 2, S. 288-289)]
Zur transzendentalen Deduktion:
In der transzendentalen Deduktion werden die Kategorien aus ihrer 'Quelle', der tranzendentalen Einheit der Apperzeption, abgeleitet. Darauf komme es Kant eigentlich an, so versichert er, und wem die 'subjektive', d.i. metaphysische Ableitung nicht genügt, der möge sich an diese 'objektive' Deduktion halten, zu der eigentlich A 92 und 93 alles Nötige hinreichend gesagt sei (A XVII). Das ist der große Gedanke des Kantischen Systems, der sogenannte transzendentale Gedanke und zugleich der Punkt, an dem der deutsche Idealismus anknüpfen wird, um von hier aus das eigentliche und tiefste Wollen Kants, wie man sagt, weiter zu entwickeln. Hier eigentlich vollzieht sich die Kopernikanische Wende, der Versuch, nachzuweisen, daß die Gegenstände der Erkenntnis sich nach uns richten müssen, und nicht umgekehrt. Ebenso versucht Kant hier immer wieder, zu zeigen, daß die Kategorien in Gültigkeit und Umfang auf die Sinneserfahrung beschränkt sind und sonst keinen Sinn hätten, weshalb dann die alte Metaphysik, die sie ohne diesen Bezug verstanden habe, verworfen wird. Und da sich zudem herausstellt, daß auch die Anschauungsformen von Raum und Zeit ohne die Einheit der transzendentalen Apperzeption nicht möglich sind, enthält das Kapitel über die transzendentale Deduktion der reinen Verstandesbegriffe nicht nur die Grundlage der transzendentalen Logik, sondern auch die der transzendentalen Ästhetik und damit die Basis des ganzen Kantischen Systems. "Die transzendentale Deduktion ist also in der Tat die Seele der Kantischen Erkenntniskritik" (B. Erdmann).
[Hirschberger: Geschichte der Philosophie. Band II, S. 528. Digitale Bibliothek Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 10258f. (vgl. Hirschberger-Gesch. Bd. 2, S. 289-290)]
Kritik der Schematismuslehre
Mit dem Schematismus ergeben sich tiefgreifende philosophische Probleme. Was schlägt im Zeitschema vor: das Sinnliche oder das Ideelle? Wenn es das Sinnliche ist, dann steht das
Sein im Fluß des Werdens und mit ihm auch die Wesenheiten; Sein wird auf Zeit hin interpretiert. Wenn es das Ideelle ist, dann erzeugt die Synthesis des reinen Verstandes die Zeit (B 182), und das Sein wird auf die Idee hin interpretiert. Allgemeiner gesprochen: Muß das 'Gegebene' so gegeben sein, wie Kant es verwendet, als ein Residuum des Empirismus? Könnte es nicht auch verstanden werden als etwas, was am Logos partizipiert, so daß von da aus entscheidend konstituiert wird, was Realität ist, entgegen seiner Äußerung in B 351 (s. oben S. 286)? Oder hat Kant sich in diesem fundamentalen Punkt überhaupt nicht endgültig festgelegt, und wäre der Schematismus in seiner Rolle als Vermittlung zwischen Sinnlichkeit und Geist nur Ausdruck der ideengeschichtlichen Konstellation? Man muß ja fragen: was gilt nun eigentlich, das Empirische der Empfindung oder die Spontaneität der apriorischen Form? Manchmal wird die Erscheinung inhaltlich vom Wesen des Erscheinenden abhängig gemacht, so, wenn sie 'darauf Anzeige tut' (s. unten S. 310), Dann darf das wieder nicht sein wegen Spontaneität und Apriorität. Der Begriff der Erscheinung und damit der ganze Schematismus, zwei für das ganze System grundlegende Begriffe, ist zwielichtig und nicht entschieden. "Es ergibt sich von der transzendentalen Deduktion her, daß die Gegenüberstellung von logischer Form und empirischem Inhalt zuletzt nicht aufrechterhalten werden kann" (Heintel). Die Kantianer tun aber, als wäre dieser Boden fest, und bauen weiter.
[Hirschberger: Geschichte der Philosophie. Band II, S. 535. Digitale Bibliothek Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 10266f. (vgl. Hirschberger-Gesch. Bd. 2, S. 294)]

Kirchner/Michaelis, Lexikon
Kategorien
Aber Kant hat bei seiner Deduktion der Kategorien veraltete und willkürliche Lehren der
Logik benutzt. Die Einteilung der Urteile nach Quantität, Qualität, Relation und Modalität ist nicht die natürliche Einteilung derselben, die Untereinteilung der Urteile in allgemeine, partikuläre und singuläre hat nur in Subsumtionsurteilen, in denen Art und Gattung miteinander verbunden werden, Bedeutung; im übrigen ist sie wertlos. Wie sich z.B. ein mathematisches Urteil von einem Subsumtionsurteil unterscheidet, hat Kant nicht richtig erkannt; auch hat Kant den transscendentalen Gebrauch der Kategorien in bezug auf Gegenstände, ihre Gültigkeit innerhalb der Erfahrung wohl im allgemeinen, nicht aber für jede einzelne Kategorie nachzuweisen versucht. So ist die Kategorienlehre Kants in ihren Einzelheiten verfehlt und muß als ein Rest scholastischer Philosophie gelten. Reinhold (1758 bis 1823), der erste namhafte Vertreter des Kantianismus in Jena, hat einen dieser Mängel, die Verfehlung des richtigen Deduktions-prinzipes, empfunden, aber nicht die Kraft besessen, ihm mit seinem Satz des Bewußtseins ("Die Vorstellung wird im Bewußtsein vom Vorgestellten und Vorstellenden unterschieden und auf beide bezogen") abzuhelfen. Die spekulativen Philosophen Fichte (1762-1814), Schelling (1775-1854) und Hegel (1770-1831) haben die Kategorien Kants mit mancher Abweichung wieder hypostasiert und zu Selbstbestimmungen des Absoluten erhoben. Es blieb also die Aufstellung einer brauchbaren Kategorienlehre für die Philosophie noch immer nach Kant und seinen Nachfolgern eine ungelöste Aufgabe. Die Kategorien sowohl als logische Grundformen unseres Denkens als auch als Formen des Wirklichen mußten sicher festgestellt, ihr Gebrauch kritisch bestimmt werden. Diese Aufgabe ist noch nicht endgültig, aber doch im ganzen zutreffend, z.B. von Lotze und Sigwart (Ding, Eigenschaft, Tätigkeit, Relation), gelöst. Sie kann kaum auf anderem Wege als auf empirischem angefaßt werden. Im allgemeinen dürfte sich herausstellen, daß wir nur wenig Grundbegriffe besitzen, abgesehen von den sinnlichen Formen der Erkenntnis, Raum und Zeit, nur die Begriffe des Subjektes und Objektes, der Verbindung oder Beziehung (Relation), der Zahl, der Substanz und Eigenschaft (Inhärenz), der Ursache und Wirkung. Dem Denken muß ein Inhalt einzelnen Inhalte müssen verbunden und in Beziehung gesetzt, Vielheiten zur Einheit, Teile zum Ganzen zusammengefaßt werden, ein beharrlicher Träger des Unselbständigen muß gedacht und Ursache und Wirkung in der zeitlichen Folge und im Wechselnden unterschieden werden. Bezogen auf Raum und Zeit erhalten diese Grundformen des Denkens, Subjekt, Objekt, Relation, Zahl, Substanz und Inhärenz, Ursache und Wirkung, dann ihre weitere Ausbildung und Vermannigfaltigung in einer großen Fülle von abgeleiteten Vorstellungsformen. Die Beziehung des Denkens auf die Wirklichkeit ist aber unmittelbar durch keine Kategorie, sondern lediglich durch die Empfindung gegeben, so daß die Kategorien für sich nie metaphysische Beziehung gewinnen können. - Vgl. Trendelenburg, Gesch. der Kategorienlehre. 1846. Überweg, System der Logik. 5. Aufl. 1882. Lotze, Grundzüge der Logik. 3. Aufl. 1891. Sigwart, Logik. 2. Aufl. Tübingen 1889-1893. C. Prantl, Gesch. d. Logik. 1855.
[Kirchner/Michaelis: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe, S. 579. Digitale Bibliothek Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 11511ff. (vgl. Kirchner/Michaelis, S. 302-303)]

Rudolf Eisler, Lexikon
Kategorien in Kritik der prakt. Vernunft
Es gibt auch 'Kategorien der Freiheit', die auf die Bestimmung eines freien Willens gehen und die Form des reinen Willens zur Grundlage haben. Sie sind 'praktische Elementarbegriffe' (Krit. d. prakt. Vern. S. 79). Die Tafel derselben ist folgende (l.c. S. 81):

Kategorien der

1) Quantität:
Subjectiv, nach Maximen: Willensmeinungen des Individuums
Objectiv, nach Principien: Vorschriften A priori sowohl als subjective Principien der Freiheit: Gesetze.

2) Qualität:
Praktische Regeln des Begehens (praeceptivae)
Praktische Regeln des Unterlassens (prohibitivae)
Praktische Regeln der Ausnahmen (exceptivae).

3) Relation:
Auf die Persönlichkeit
Auf den Zustand der Person
Wechselseitig einer Person auf den Zustand der andern.

4) Modalität:
Das Erlaubte und Unerlaubte
Die Pflicht und das Pflichtwidrige
Vollkommene und unvollkommene Pflicht.

[Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, S. 1499. Digitale Bibliothek Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 13760f. (vgl. Eisler-Begriffe Bd. 1, S. 543)]

Rudolf Eisler, Lexikon
Schopenhauer
SCHOPENHAUER erklärt, die Kantische Kategorientafel verdanke ihren Ursprung einem Hange zur
architektonischen Symmetrie (W. a. W. u. V. I. Bd., S. 447). Von den Kategorien sind elf als grundlos zu entfernen. Nur die Causalität (s. d.) ist zu behalten, deren Tätigkeit aber schon 'Bedingung der empirischen Anschauung' ist (l.c. S. 446 f.). Für die Begriffe dürfen wir 'keine andere a priori bestimmte Form annehmen, als die Fähigkeit zur Reflexion überhaupt'(ib.). Nur die Causalitätskategorie ist a priori vorhanden und die 'Form und Function des reinen Verstandes' (l.c. S. 449).
[Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, S. 1501. Digitale Bibliothek Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 13763 (vgl. Eisler-Begriffe Bd. 1, S. 544)]

Rudolf Eisler, Lexikon
E.v. Hartmann

Nach E. V. HARTMANN sind die Kategorien nur als 'Kategorialfunctionen', nicht als Begriffe a priori (Krit. Grundleg. S. 125 f.). Sie sind Denkformen, welche sich 'aus Keimen und Anlagen des Verstandes entwickeln, in denen sie vorbereitet liegen' (l.c. S. 11). Die Kategorie ist 'eine unbewußte Intellectualfunction von bestimmter Art und Weise, oder eine unbewußte logische Determination, die eine bestimmte Beziehung setzt' (Kategorienl., Vorw. S. VII). Die Kategorien sind 'supraindividuelle' 'Betätigungsweisen der unpersönlichen Vernunft in den Individuen' (l.c. S. VIII). Sie sind Formen der Beziehung, der Synthese, der logischen Determination (l.c. S. 334). Ein Teil der Kategorien gilt für die subjective, objective, metaphysische Sphäre zugleich, ein anderer nur für die subjectiv-objective, wieder ein anderer nur für die objective und metaphysische (vgl. Causalität, Quantität u.s.w.).
Die Kategorientafel ist folgende:

A. Kategorien der Sinnlichkeit:
I. Kategorien des Empfindens:
Qualität
Quantität (intensive, extensive = Zeitlichkeit)
II. Kategorien des Anschauens: Räumlichkeit

B. Kategorien des Denkens:
I. Urkategorie der Relation
II. Kategorie des reflectierenden Denkens (5 Arten)
III. Kategorie des speculativen Denkens:
Causalität (Ätiologie)
Finalität (Teleologie)
Substantialität (Ontologie).

Das Wahrgenommene ist "durch und durch ein Kategoriengespinst", es weist auf eine transcendente Wirklichkeit hin (l.c. S. 339). Ohne Kategorien ist die Welt nicht zu verstehen (Gesch. d. Met. I, 562).
[Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, S. 1510. Digitale Bibliothek Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 13771f. (vgl. Eisler-Begriffe Bd. 1, S. 547-548)]

Rudolf Eisler, Lexikon
E. Mach / Nietzsche

Eine 'Elimination' der Kategorien Causalität, Substanz u. dgl. als bloß subjectiver Zutaten des Den-
kens zur Erfahrung (s. d.) fordert E. MACH. An deren Stelle hat das Princip der 'Ökonomie' (s. d.) des Denkens zu treten. Den Kategorien kommt bloß "praktisch" (biologische) Bedeutung zu. - So auch NIETZSCHE, der die rein biologische Bedeutung der Kategorien betont (WW. X, 183). Sie haben sich durch ihre Nützlichkeit bewährt, sind lebenserhaltend. Aber diese ihre biologische Zweckmäßigkeit ist ihre einzige 'Wahrheit' (WW. XV, 268). Sie sind Producte der Phantasie, des Anthropomorphismus (s. d.), mit der (metaphorischen) Sprache (s. d.) werden sie in die Objecte introjiciert. Erst fingieren wir ein 'Ich' (s. d.), dann projicieren wir es auf die Außenwelt, und nun erscheint uns diese als eine Summe von Substanzen, Tätern, Kräften u.s.w. (WW. VIII, 2, S. 80; XV, 273). Eine solche Welt entspricht unserem Verlangen nach einer Welt des Bleibenden, der unser Wille zur Macht mehr gewachsen ist als dem ständigen Flusse des Geschehens (l.c. XV, 268 f., 285).
[Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, S. 1520. Digitale Bibliothek Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 13781f. (vgl. Eisler-Begriffe Bd. 1, S. 551)]

Schlußbetrachtungen: J. Eccles, K. Lorenz, N. Hartmann und K. Popper

John c. Eccles (Das Ich und sein Gehirn)
(Vergleich mit Selbstbewußtsein/Schematismus)
S. 436: "So schlagen wir vor, daß selbstbewußter Geist eine überlegene interpretierende und kontrollierende Rolle auf die neuronalen Ereignisse ausübt." Eccles 'selbstbewußter Geist' erinnert meines Erachtens an Kants 'Selbstbewußtsein' und dessen tragende Rolle, so heißt es denn auch weiter: "Eine Schlüsselkomponente der Hypothese ist, daß die Einheit der bewußten Erfahrung durch den selbstbewußten Geist vermittelt wird und nicht durch die neuronale Maschinerie der Liaison-Zentren der Großhirnhemisphäre."
Ebenso, wie im Kantschen 'Schematismus' die Zeit im Zentrum steht, scheint sie für die Beziehungen zwischen dem selbstbewußten Geist und dem Hirn neuesten Erkenntnissen zufolge eine nicht geringe Rolle zu spielen. Eccles fährt daher in seiner Erläuterung mit der Schilderung von Experimenten fort, die zeigten, daß zwar eine Rindenreizung mit einer zeitlichen Verzögerung erst in einer bewußten Erfahrung resultiert, das Geschehen der Reizung tatsächlich als viel früher bewertet werde. Dieser Antedatierungsprozeß sei nicht durch einen neurophysiologischen Prozeß erklärbar. Eccles hält dieses Antedatierungsphänomen vielmehr für eine erlernte Strategie des selbstbewußten Geistes, der diese Zeitkorrekturen durchführt. Eine weitere zeitliche Eigenschaft des selbstbewußten Geistes zeige sich an der langen Dauer des Bereitschaftspotentials. Diese Hypothese soll nicht näher erläutert werden, jedoch scheint auch für Eccles der zeitlichen Komponente, noch vor der räumlichen, eine Sonderstellung zuzukommen.
Wo dieser 'selbstbewußte Geist' lokalisiert werden könne, sei nicht zu beantworten, ebensowenig wie die Fragen 'wo' Liebe, Haß usw. lokalisiert werden können. Diese werden immer nur erfahren. Auch diese Ansichten Eccles erinnern an Kant, der sich auch nicht um eine Lokalisierung des Selbstbewußtseins bemühte, sondern lediglich sein Vorhandensein und seine Bedeutung unterstrich, zumal im Zusammenspiel mit der Erfahrung, im Rahmen derer die Wirklichkeit des Selbstbewußtseins lokalisiert werden mag. Anders verhalte es sich jedoch mit der Frage, ob ob der selbstbewußte Geist spezifische zeitliche Eigenschaften besitze. Diese Frage bejaht Eccles ausdrücklich: "Erlebte Zeit transzendiert die Uhrzeit durch ihre Verlangsamung in akuten Notfällen, und in den Experimenten Libets über die Antedatierung. Sie überschreiten auch die Uhrzeit im Erinnern und Wiederauflebenlassen vergangener Erfahrungen und in der imaginativen Vorhersage von Geschehnissen in der Zukunft, die emotional erfahren werden kann, zum Beispiel bei freudigen Erwartungen oder bei schrecklichen Vorahnungen. Doch in unseren allgemeinen wachen Erfahrungen sind die erlebten Zeiten und die Uhrzeit wesentlich synchronisiert, wie sie es für die effektive Kontrolle von Aktionen in Antwort auf gegenwärtige Situationen sein müssen. So sind aus praktischen Zwecken die erlebte Zeit und die Uhrzeit eng gekoppelt. Wir können uns somit vorstellen, daß Welt 2 [die psychische Welt, die Welt der Bewußtseinstatsachen] eine zeitliche Eigenschaft besitzt, doch keine räumliche Eigenschaft, jedoch erfordern diese tiefreichenden Fragen viel mehr Forschung."
Nach diesem Ergebnis Eccles, eines modernen Hirnforschers, möchte man sich unweigerlich an Kant erinnert wissen, denn hatte nicht Kant bereits gesagt, daß die Zeit dem inneren Sinn angehöre, der Raum hingegen dem äußeren Sinn? Die Zeit als Eigenschaft des selbstbewußten Geistes, der mit ihrer Hilfe sogar konstruktiv operiert, wenn es darum geht, Erfahrung zu datieren, erinnert meines Erachtens jedenfalls deutlich an den Kantschen Schematismus als zeitlichen Mittler zwischen Innen- und Außenwelt.

Konrad Lorenz über die Seinskategorien Hartmanns (Die Rückseite des Spiegels)
Lorenz zitiert Hartmann, nachdem das Kantsche Problem objektiver Gültigkeit erst recht die Frage nach den Seins-Grundlagen einschalte. Hartmann sagt: "Im Grunde kann kann ja doch ein Verstandesbegriff nur dann auf die Sache zutreffen, wenn die Beschaffenheit, die er von ihr aussagt, an der Sache auch wirklich besteht. Die 'objektive Gültigkeit' also, soweit sie reicht, setzt voraus, daß die Verstandeskategorie zugleich Gegenstandskategorie ist." Während Lorenz hieraus zu recht die Hartmannsche Überzeugung der Existenz einer außersubjektiven Welt abliest, sei noch einmal betont, daß auch nach Kant die Verstandeskategorien zugleich die Gegenstandskategorien bedingen. Der Unterschied zu Hartmann besteht vielleicht darin, daß bei Kant die Gegenstandskonstituierung der Bedingung einer möglichen Erfahrung unterworfen wird, hingegen bei Hartmann die kategoriellen Grundaussagen den Gegenständen als Seiendem zukommen, und zwar unabhängig davon, ob sie von ihnen ausgesagt werden oder nicht, wie Hartmann wörtlich sagt. Hartmann schließt: "Begriffe und Urteile sind nicht um ihrer selbst willen da, sondern um des Seienden willen. Es ist der innere, ontologische Sinn des Urteils, der seine logisch immanente Form transzendiert. Das ist es, was den Begriff der 'Kategorie' allen Mißverständnissen zum Trotz ontologisch tragfähig erhalten hat." Wenn man von einer möglichen Aktualisierung Kants durch Eccles sprechen kann, erhalten wir hier eine Aktualisierung Hartmanns durch Konrad Lorenz, der sich seiner Interpretation allerdings durchaus bewußt ist: "Es lag Hartmann sicherlich recht fern, eine genetisch-historische Erklärung für die behauptete Korrespondenz von Verstandes- und Gegenstandskategorien zu suchen. Dennoch decken sich seine aufgrund seiner Kategorienlehre entwickelten Anschauungen über den Aufbau der realen Welt, insbesondere der Organismenwelt, so vollkommen mit denen des Phylogenetikers, daß es mir immer schwerfällt, Hartmannsche Gedankengänge wiederzugeben, ohne evolutionistische Interpretationen in seine Schichtenlehre einzuschmuggeln." Lorenz fährt fort: "Ich fragte einst einst meinen Freund Walter Robert Corti, der Hartmann auch persönlich gut kannte, was nach seiner Meinung der große Philosoph zur stammesgeschichtlichen Deutung seiner Lehre sagen würde. Corti meinte, Hartmann würde dies ablehnen, und fügte dann tröstend hinzu: "Aber dadurch wird sie ja erst genießbar."

Das Kategorienproblem bleibt bestehen
Meiner Meinung nach zeigen die unterstellten Adaptionen Kants durch Eccles und die bewußten Adaptionen Hartmanns durch Lorenz, daß das Kategorienproblem nach wie vor besteht, und das nicht nur in der philosophischen Forschung. Während Eccles die kategorialen Grundformen anscheinend eher für die Verstandeswelt erneut fruchtbar macht, indem ein selbsttätiger Geist als Schnittstelle zum Materiellen hin postuliert wird, verortet Lorenz die Kategorien als zu den Gegenständen selbst gehörend. Ich meine, Kant versuchte, sowohl dem Verstand als auch den Gegenständen in seiner Kategorienlehre gerecht zu werden. Diese beidseitigen Bemühungen nicht zu sehen, hieße Kants Leistung hierin zu verkennen. Vielleicht verführt gerade das umfangreiche Programm der KrV dazu, die Kategorienlehre als gesonderte Episode zu betrachten. Augenfällig bleibt allerdings, daß Kants Kategorienlehre als Episode seitens ungezählter Philosophen ausführlich - und wie ich meine zu recht, kritisiert worden ist, während sie bei vielen Naturforschern von vornherein unterschwellig aus einem ganz anderen Grund auf Desinteresse stößt, nämlich aufgrund Kants problematischer Unterscheidung von Erscheinung und Ding an Sich. Daß die Kategorienlehre, insbesondere die Schematismuslehre durchaus von naturwissenschaftlichem Interesse ist, mag schon das Beispiel Eccles belegen, aber vor allem zu nennen wäre hier die steigende Zahl von Teilnehmern aus dem naturwissenschaftlichen Bereich, die sich mit Vorträgen zum Schematismus zu den internationalen Kantkongressen derzeit melden.

Popper (Das Ich und sein Gehirn)
Das "Urteil" als ein Beweismittel für die Haltlosigkeit des psychophysischen Parallelismus:
Wie wichtig das "Urteil" oder die "Urteilskraft" im Zusammenhang mit der menschlichen Erkenntnis ist, mag noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive erhellen, nämlich aus der Diskussion der Identitätstheorie als eine Form des Parallelismus bei Karl Popper (aus dem Buch "Das Ich und sein Gehirn", S. 121f.): "Einige Cartesianer nahmen [...] an, daß jedem elementaren psychischen Ereignis ein ganz bestimmter Hirn-Vorgang entspreche. Diese Entsprechung hielt man für ein-eindeutig. Das Ergebnis ist ein Leib-Seele-Parallelismus oder ein psychophysischer Parallelismus. Nun muß man zugeben, daß ein Körnchen Wahrheit in dieser Theorie steckt. Wenn ich eine rote Blume anschaue, dann (stillhaltend) meine Augen für eine Sekunde schließe, sie danach öffne und wieder hinschaue, sind beide Wahrnehmungen so ähnlich, daß ich die zweite Wahrnehmung für eine Wiederholung der ersten halte. Wir alle nehmen an, daß diese Wiederholung durch die Ähnlichkeit der beiden zeitlich unterschiedlichen Reizungen der Retina und der beiden korrespondierenden Hirnprozesse erklärt werden muß. Wenn wir solche Überlegungen verallgemeinern (eine Verallgemeinerung, die besonders ein Anhänger Humes für richtig halten wird, da für Hume das gesamte Bewußtsein nur aus solchen Erfahrungen besteht) sind wir beim psychophysischen Parallelismus angelangt." Popper meint nun, daß die Beispiele wiederholter Wahrnehmungen falsch interpretiert worden sind, und daß unsere Bewußtseinszustände nicht als Abfolge von Elementen, weder von Atomen, noch von Molekülen, vorzustellen sind. Er fährt fort, daß es stimme, daß er zweimal auf das gleiche Objekt schaute. Und das sein Bewußtsein ihn auch darüber informiere. Und zwar durch die Bildung der Hypothese oder der Annahme: "Das ist dieselbe Blume wie zuvor (und dieselbe Ansicht davon, da sich ja weder Blume noch ich mich bewegt haben).
Doch genau deshalb, sagt Popper, weil ich so informiert wurde, als ich angeblich 'die beiden Erfahrungen identifizierte', ist die zweite Erfahrung oder der zweite Bewußtseinszustand anders als der erste.
Die Identifikation war eine solche von Objekten und ihren Ansichten. Das subjektive Erlebnis - das gebildete "Urteil", die gemachte Annahme - war etwas anderes: Ich erlebte eine Wiederholung, was ich beim ersten nicht tat. Wenn das stimmt, folgert Popper, dann ist die Theorie vom Bewußtsein als eine Abfolge von (oft wiederholten) elementaren oder atomaren Wahrnehmungen falsch. Und die Theorie einer ein-eindeutigen Entsprechung von elementaren bewußten Vorgängen und Hirnvorgängen muß folglich als haltlos (wenn auch sicher nicht als empirisch widerlegt) aufgegeben werden. Denn wenn unsere Bewußtseinszustände nicht Abfolge von Elementen sind, dann ist nicht länger einsichtig, was wem in ein-eindeutiger Weise entsprechen soll.

Die Urteilskraft bleibt von zentraler Bedeutung
Konrad Lorenz, als Vertreter des hypothetischen Realismus, würde Popper darin zustimmen, daß die Wiederholung, also der zweite Vorgang, nicht mit dem ersten Vorgang identisch ist. Er gelangt aber nicht mittels des von Popper dafür verantwortlich erklärten 'Urteils' zu der gleichen Ansicht, sondern führt das Phänomen auf den höchstgradig komplexen Organismus zurück und somit, wie er selbst betont, auf 'unbewußte Schlüsse': "Was unser sensorischer und nervlicher Apparat auf optischen wie auf akustischem Gebiet unserem Erlebens präsentiert, ist immer schon das Ergebnis von höchst komplizierten Verrechnungsvorgängen, die aus den Sinnesdaten auf jene Gegebenheiten der außersubjektiven Realität zu schließen trachten, die ihnen zugrunde liegen und die das hinter allen Erscheinungen stehende Wirkliche sind - wie wir als hypothetische Realisten annehmen. [...] Die realen Dinge unserer Umwelt wären für uns nicht wiedererkennbar, wenn wir darauf angewiesen wären, immer genau dieselben Reizdaten in genau derselben Konfiguration von ihnen zu empfangen, wenn etwa das Bild eines Gegenstandes immer genau auf derselben Stelle unserer Netzhaut in gleicher Form, Farbe und Größe entstehen müßte. Die wunderbare Leistung unseres Wahrnehmungsapparates besteht gerade darin, mit Hilfe der schon erwähnten Verrechnungsmechanismen das Wiedererkennen der Dinge von dieser unerfüllbaren Bedingung unabhängig zu machen." (S. 150, Rückseite des Spiegels)
Statt Poppers Ansicht nun als widerlegt anzusehen, finden wir mit Lorenz Ausführungen diese vielmehr biologisch untermauert. Auf diesem Wege, und wenn die komplexen Systeme bishin zu den komplexesten, die auch das bewußte Urteil selbst erst ermöglichen, erforscht würden, kämen wir, wie ich meine, doch mit Kant zu dem von ihm schon erklärten Schluß, daß die Urteilskraft ein ganz besonderes Vermögen von zentraler Bedeutung ist.

 

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Kirstin Zeyer, Münster,

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